Gestern hatte ich die Gelegenheit, in Boston einem Konzert von Madonna beizuwohnen (nicht lachen bitte, war nicht meine Idee, ich war nur als Begleiter da). Dieses Ereignis führte zu zwei Erkenntnissen:
1. Ach, was sind wir alle alt geworden. Wann war ihr erster Hit? 1983? Wie alt waren wir da? Oh je…
2. Popkonzerte sind auch nicht mehr, was sie mal waren.
Ich bin kein grosser Konzertgänger, mein letzter derartiger Eventbesuch liegt etliche Jahre zurück. Irgendwie kann ich mich aber dunkel daran erinnern, dass Konzerte früher Anlässe waren, wo primär Musik gespielt wurde, im Sinne von: Musiker betätigen ihre Instrumente im Zeitpunkt der Durchführung des Konzerts und bewegen sich, sofern es die Art des Instrumtents erlaubt, sogar etwas dabei.
Das scheint heute anders zu sein, zumindest bei dieser Art von Produktion. Madonnas Begleitband bestand aus genau vier Personen: Der Gitarrist stand meistens etwas ratlos herum, weil die ultramodernen Arrangements leider keinen Platz für so altmodische Instrumente lassen. Der Drummer durfte ein wenig den elektronischen Takt nachtrommeln. Der Keyboarder verfügte zwar über allerhand Tasteninstrumente, spielte aber kaum je was, sondern schien vorwiegend mit irgendwelchen Konfigurationsarbeiten beschäftigt zu sein.
Die eigentliche Musik machte offenbar der Typ, der zumeist beinahe regungslos an der Sequenzerkonsole stand (vermutlich war das “Musical Director” Stuart Price). Gelegentlich drückte er mal einen Knopf, um den nächsten Track abzufahren, und ansonsten klickte er etwas auf seinem Mac rum. Ich frage mich, ob Musiker heutzutage während der Arbeit auch im Web surfen dürfen, denn sehr viel haben sie sonst offensichtlich nicht zu tun. Die Kraftwerkisierung der modernen Popband ist endlich vollendet…
Ansonsten wurden technologisch natürlich alle Register gezogen: Die neuste Lichttechnik, sich von Geisterhand bewegende Bühnenelemente, Grossbildschirmübertragung in HD. Am beeindruckendsten waren aber die riesigen LED-Videowände, die als Hintergrund (und gelegentlich Vordergrund) dienten. Während der ganzen zwei Stunden, die die Show dauerte, liefen enorm aufwendig produzierte Clips, die meistens interessanter waren als das, was sich sonst so auf der Bühne abspielte. Immerhin, die Choreographie war meistens auch sehr nett — wenn die Tänzer nicht gerade die Sicht auf die Screens verdeckten.
War das alles absolut perfekt produziert? Sicher. War es deswegen auch interessant? Leider nicht. Ich wurde den Eindruck nicht los, dass die ganze Show so stark aus der Konserve kam, dass die Magie des Live-Effekts etwa derjenigen beim Abspielen einer DVD im heimischen Wohnzimmer gleichkam (gut, bis auf die persönliche Anwesenheit von Frau Ritchie, aber das verliert auch schnell seinen Neuigkeitswert).
Der unerwartete Effekt dieser Übertechnisierung war schlussendlich, dass das Interessanteste an dem Abend eigentlich das Publikum war. Und das meine ich im Grossen (die Reaktionen des ganzen 15′000-Plätze-Stadiums, wenn gerade mal ausnahmsweise ein bekannter Song gespielt wurde) wie im Kleinen (z.B. vor mir die hübsche Grundschullehrerin aus Texas, die vor lauter Verzückung ständig den ihr zuvor unbekannten Jüngling neben sich abknutschte, was dessen ebenfalls anwesender, äh, Lebenspartner irgendwie gar nicht toll fand).
Wie immer bei solchen Konzerten waren Kameras theoretisch verboten, aber ich war offenbar wieder mal der einzige, der sich daran hielt. Schätzungsweise 90% der Zuschauer schossen mit ihren Digitalkameras und Fotohandies aus allen Rohren. Nicht wenige telefonierten (!) während des Konzertes auch noch ständig. Offensichtlich wird eine solche etwas unwirkliche Veranstaltung für die Leute erst real, wenn man den Daheimgebliebenen auch beweisen kann, dass man dabei war, am besten gleich live. Vorsichtig geschätzt entstanden an diesem Abend etwa eine Viertelmillion Digitalphotos, die jetzt zu einem grossen Teil ihre Runde im Netz machen. Ist doch prima: Das Konzert selbst braucht gar nicht besonders erinnernswert zu sein, schliesslich gibt es ja Flickr…
Aber vielleicht passt das ganz gut in unsere Zeit des “user-generated Content”. Irgendwie war das eine Art von “user-generated Entertainment”: Die künstlerische Darbietung war nur der äussere Anlass, die eigentliche Unterhaltung ging vom Publikum aus und davon, was es später mit den Artefakten der Show macht.