“Push” und die Perversion des E-Mail-Gedankens

Andreas Göldi, 30. Juli 2006 14:16 Uhr, 0 Kommentare Kommentare

Da ich seit einigen Tagen glücklicher Besitzer eines Nokia E61 bin, erlebe ich zum ersten Mal in der Praxis (bzw. im Selbstversuch), was “mobile Push-E-Mail” genau bedeutet. Das Handy bleibt ständig mit dem Mailserver verbunden und piept/vibriert/blinkt hektisch, sobald eine neue Nachricht eintrifft. Wo auch immer man gerade ist, so lange man Empfang hat, kriegt man seine E-Mail ohne Verzögerung.

Inzwischen muss jeder Smartphone-Hersteller, der was auf sich hält, eine solche Lösung anbieten, denn der enorme Erfolg des BlackBerry der kanadischen Firma Research in Motion (RIM) in diesem Markt beruht hauptsächlich auf Push-Mail. 1999 brachte RIM erstmals ein Messaging-Gerät auf den Markt, das nach diesem Prinzip funktionierte, und damit überholte RIM im Business-Segment diverse andere Wettbewerber, die eigentlich schon viel länger dort aktiv waren — nicht zuletzt Nokia.

Muss also eine grossartige Sache sein, diese Push-Mail. Eins ist mir aber leider noch immer nicht klar: Ich habe ursprünglich mal irgendwo gelernt, dass das Tolle an E-Mail ist, dass sie nach dem “Store and forward“-Prinzip funktioniert.

Das heisst, ich bin als Sender einer Nachricht nicht darauf angewiesen, dass der Empfänger mir seine Aufmerksamkeit sofort schenkt (wie z.B. beim Telefonieren). Als Empfänger kann ich mich genau dann um meine eingegangenen Nachrichten kümmern, wenn mir danach ist und verschwende so meine Zeit nicht mit nebensächlichen Meldungen. In jedem Kurs über Zeitmanagement lernt man, dass man nach Möglichkeit seine E-Mail nur zwei oder drei Mal am Tag checken sollte, damit man konzentriert an einer sinnvollen Priorisierung arbeiten kann. Denn so, sagen die Zeitmanagement-Gurus, optimiert man die Zeit, die man für wichtigere Dinge als E-Mail einsetzen kann.

Und trotzdem: Wir scheinen süchtig danach zu sein, von E-Mail in unserem Arbeitsfluss unterbrochen zu werden. Die meisten E-Mail-Programme sind standardmässig konfiguriert auf “User mit bunten Meldungsfenstern und lustigen Sounds nerven, sobald neue Nachricht eintrifft”. In vielen Firmen ist die implizite Erwartung, dass jeder jede neue E-Mail sofort liest, und das führt dann zu Mails im Stil “Sitzung beginnt in zwei Minuten!”. Und mobile Push-Mail ist wie gesagt ein riesiger Erfolg. Woher kommt das? Warum werden wir so gern von einem Kommunikationsmedium gestört, das eigentlich dafür gebaut ist, uns nicht zu stören?

Hier ein paar Theorien:

  • E-Mail anschauen (und beantworten) ist eine prima Methode zur Vermeidung richtiger Arbeit. Denken ist anstrengend, und wenn man sich von E-Mail davon abhalten lässt, ist man abends nicht so müde.
  • Wir fühlen uns alle gern wichtig. Wir mögen es, Aufmerksamkeit von anderen zu bekommen. E-Mail zeigt uns, dass jemand an uns denkt (und wenn es nur ein Spammer ist). Manche Berufsgruppen brauchen das Gefühl von Wichtigkeit mehr als andere. Kann es Zufall sein, dass BlackBerries vor allem von Investmentbankern, Anwälten und Consultants genutzt werden?
  • Menschen kommunizieren gern mit anderen Menschen. Das ist wichtig für den sozialen Zusammenhalt und so. E-Mail ist nicht so aufdringlich wie Telefonieren oder Kurz-mal-im-Büro-vorbeischauen-und-zwanzig-Minuten-labern, aber trotzdem erfüllt sie ähnliche Zwecke. Und darum möchten wir gern sofort davon wissen.

Da die Menschheit bekanntlich immer dazu neigt, alles zu übertreiben, geben wir uns natürlich nicht mit E-Mail zufrieden. Inzwischen haben wir noch Instant Messaging, RSS-Reader mit Sofortbenachrichtigung und informationsreiche “Sidebars” entwickelt, die zum allgemeinen Informationslärm beitragen. Und die IT-Branche arbeitet bereits fleissig daran, diese neuen digitalen Störenfriede auch auf Mobiltelefonen nutzbar zu machen.

Komischerweise arbeiten alle daran, mehr Information zugänglich zu machen statt weniger oder besser gesagt relevantere Information. Kein Wunder, denn intelligente Informationsfilter zu bauen ist enorm viel schwieriger als sich eine weitere Form der Störung auszudenken.

Aber andererseits: Die derzeit wertvollsten Internet-Firmen bauen ihren Erfolg alle in der einen oder anderen Weise auf Informationsfilterung auf (sei es als Suchmaschine, als Portal, als Buchladen mit automatischen Empfehlungen). Hoffen wir darum mal, dass diese selbstgewählte Informationsüberflutung nur eine Phase in der Entwicklung der Informationstechnologie ist. Meinetwegen kann mein Handy gern hin und wieder mal piepen, aber dann soll es mir bitte wirklich was Wichtiges mitzuteilen haben.

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