Die Zukunft der mobilen Technologien:
Neue Forschung am MIT Media Lab

Andreas Göldi, 12. Juli 2006 01:45 Uhr, 0 Kommentare Kommentare

Heute hatte ich im Rahmen meines Studienprogramms die Gelegenheit, einen Vortrag von Andrew Lippman anzuhören. Lippman ist eins der Urgesteine am berühmten MIT Media Lab, und die aktuelle Forschung an diesem Institut war das Thema seiner Präsentation.

Man kann wohl sagen, dass das Media Lab in den letzten Jahren etwas von der Realität überrumpelt worden ist. Die Pionierarbeit, die in diesem experimentellen Umfeld gemacht wurde, hat über Jahre hinweg viele der Internet-Pioniere inspiriert. Ein guter Teil der Media-Lab-Visionen aus den achtziger und frühen neunziger Jahren ist heute Realität geworden, und darum brauchte das Lab auch einige Zeit, um sich neu zu orientieren.

Nach einer eher stillen Phase kam das Media Lab kürzlich wieder in die Schlagzeilen, als sein Gründer Nicholas Negroponte das Projekt “One Laptop per Child” vorstellte. Negroponte widmet sich inzwischen voll diesem Projekt, sein Nachfolger als Direktor des Media Lab wurde der ehemalige Unternehmer Frank Moss.

Lippman machte in seinem Vortrag gleich klar, dass das Media Lab schwer zu definieren ist: “One mile wide, one inch deep” ist das Motto. Man will also sehr viele Themen aufgreifen und konzentriert sich bewusst nicht auf einige wenige Felder, weil man sich von der kreativen Kombination unterschiedlicher Disziplinen die echten Durchbrüche erhofft. Die Forschung des Media Lab umfasst praxisnahe Dinge wie sprachbasierte User Interfaces, aber auch abgehobene Projekte wie “Lifelong Kindergarten“.

Eine Sache mit grosser Tragweite könnte — genau wie “One Laptop per Child” — das Projekt “Living the Future” werden, das im Forschungsprogram MIT Communications Futures angesiedelt ist. In diesem gerade gestarteten Vorhaben will man die Zukunft der mobilen Kommunikation erforschen, und zwar nicht innerhalb der Mauern des Labors. Vielmehr sollen die MIT-Studenten und später auch die Bürger der umliegenden Stadt Cambridge mit Geräte-Prototypen ausgestattet werden, deren Funktionalität erheblich über die heutigen PDAs und Smartphones hinausgeht. Kommerzielle Sponsoren des Projektes sind Firmen wie Nokia, Motorola, Samsung, Swatch oder British Telecom.

Vorbild des Projektes ist Project Athena, in dessen Rahmen zu Beginn der achtziger Jahre viele der Prinzipien erfunden wurden, die heute modernes Network Computing ausmachen. Damals war die — für die Zeitgenossen abstrus klingende — Vision (die heute natürlich längst erfüllt ist) “Ein PC für jeden Studenten”, für das neue Projekt heisst sie “Ein intelligentes Mobildevice für jeden Bürger”.

Telefonieren sollen diese neuartigen Geräte auch noch können, aber aus Lippmans Sicht ist ein Telefon eh nur ein Stück Software, das man sich auf das Universalgerät runterlädt, in unterschiedlichen Ausführungen je nach Bedürfnissen und Vorlieben. Vor allem aber soll das Mobilgerät der Zukunft mit seiner Umgebung interagieren können. Es soll brauchbar sein für die Haussteuerung, als Zahlungsmittel, als Live-Voice-Chat-Gerät usw. und dabei fröhlich alle möglichen Web-2.0-Prinzipien integrieren. Die Geräte verlassen sich dabei nicht unbedingt auf die zentrale Infrastruktur, sondern können im Mesh-Prinzip auch untereinander funken. Jedes Gerät wird so zum intelligenten Netzwerkknoten und -router.

Aber alle diese Ideen will man nicht zentral generieren, sondern man hofft (vermutlich zu Recht) auf die Kreativität der Studierenden. Die Geräte sollen bewusst offen sein, so dass sie nach Belieben modifiziert und erweitert werden können. “Everybody is encouraged to hack!” lautet die Devise. Die Intelligenz des Netzes soll am Rand liegen, am “Edge” und dadurch Anwendungen erlauben, die sich heute noch keiner vorstellen kann. Grösser könnte der Kontrast zur risikofeindlichen, monolithischen Sicherheitsorientierung der Mobile Operators (hier in den USA besonders extrem) kaum sein.

Vergleichbare Projekte gibt es auch schon anderswo, beispielsweise in Berkeley. Dort hat man sich aber mehr auf technische und infrastrukturelle Fragen konzentriert, während am MIT die Einsatzszenarien im Vordergrund stehen werden. Das Besondere an dem Projekt ist also, dass man — eigentlich ganz im Web-2.0-Spirit — dem freien Experimentieren die Priorität einräumen will. Viel ausprobieren in der Hoffnung, dass sich die besten Ideen durchsetzen, das ist das Ziel.

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