PressDisplay:
E-Paper on Steroids

Andreas Göldi, 2. Juli 2006 15:17 Uhr, 0 Kommentare Kommentare

Regelmässigen Lesern dieses Blogs wird nicht entgangen sein, dass ich vorsichtig formuliert nicht gerade zu den grössten Anhängern von e-Paper-Lösungen gehöre. Meistens sind diese digitalen 1:1-Kopien von Zeitungen in jeder Hinsicht unpraktisch und unbrauchbar, von mediengerechter Umsetzung keine Spur.

Was aber nun der Anbieter PressDisplay in seiner gerade veröffentlichten neuen Produktversion 3.0 anbietet, könnte sogar mich umstimmen. Wie bisher bietet PressDisplay eine Auswahl von über 300 Zeitungen aus 60 Ländern an. Aus dem deutschen Sprachraum sind zum Beispiel das Handelsblatt, die Süddeutsche Zeitung, der Tagesanzeiger oder der Standard mit dabei. Für relativ wenig Geld ($9.

90) kann man sich jeden Tag eine andere Zeitung zum Lesen aussuchen, und das funktioniert sowohl per Webbrowser wie auch über eine Offline-Software. Diese Lösung gehörte schon bisher zum Besten, was es im e-Paper-Bereich gab.

In der neuen Version geht PressDisplay nun aber erheblich weiter, zumindest für diejenigen Zeitungen, die bereits in einem ausgebauten “SmartEdition”-Format angeboten werden. Das sind viele der grossen amerikanischen Titel sowie auch das Handelsblatt und die Süddeutsche. Zunächst mal gibt es da endlich eine vernünftige Navigation. Statt die Online-Zeitung nur linear durchzublättern, kann man ein schnell bedienbares Inhaltsverzeichnis benutzen oder auch auf eine leistungsfähige Volltextsuche zugreifen, die sich über alle angebotenen Titel erstreckt.

Fast schon einer kleinen Revolution kommt der RSS-Feed gleich, den man sich für die angebotenen Zeitungen abonnieren kann. Man bekommt so also tatsächlich jeden Morgen frisch eine Liste aller neuen Artikel einer bestimmten Zeitung in den Feedreader und kann per Klick direkt auf die originalgetreu gelayoutete Online-Version springen. Web 2.0 meets Dead Trees, sozusagen.

Mit den einzelnen Artikeln kann man auch eine ganze Menge mehr machen: Falls man zu faul zum Lesen ist kann man sie sich beispielsweise mit Text-to-Speech vorlesen lassen — ein nettes Feature, das aber noch etwas Reifungszeit braucht. Schon nützlicher ist da die E-Mail Funktion für das Weiterschicken von Artikel-Links an andere Leute (die den einen Artikel kostenlos lesen dürfen) sowie für fremdsprachige Titel die Übersetzungsfunktion, die wie die meisten Übersetzungsprogramme natürlich keineswegs perfekt ist, aber immerhin die ungefähre Bedeutung eines Artikels erahnen lässt. Und natürlich, falls man doch noch mit Papier rascheln will, kann man Artikel oder ganze Seiten auch drucken.

Aber es gibt noch mehr Web-2.0-Goodies: Den Button “Blog this article” beispielsweise, mit dem man direkt aus dem PressDisplay-Reader Blog-Einträge zu interessanten Artikeln verfassen kann, bisher allerdings nur auf Blogger, Wordpress, LiveJournal und MSN Spaces. Zu allem Überfluss — und da hört der Spass für die traditionell gesinnten Zeitungsmacher dann vermutlich bald mal auf — kann man einzelne Artikel auch noch bewerten, um andere Leser darauf hinzuweisen.

Die neue Homepage von PressDisplay muss wohl der Alptraum jedes gestandenen Zeitungsmachers sein, der stolz auf sein redaktionelles Produkt ist. Da kann sich der User doch tatsächlich aus den einzelnen Artikeln der diversen Zeitungen seinen individuellen Informationsmix zusammenbasteln. Man kann selektieren, welchen Zeitungen man am meisten traut, und mit einem Schieberegler kann man dann einstellen, ob man nur deren Artikel sehen will oder auch solche anderer Zeitungen. PressDisplay legt sozusagen einen Personalisierungslayer über den Output von 300 Zeitungen — eine ziemlich revolutionäre Art, mit Zeitungsinhalten umzugehen.

Trotz all dieser beeindruckenden Features stellt man sich irgendwann doch eine Frage: Warum eigentlich ist das Rohmaterial für diese Services das doch irgendwann limitierende e-Paper? Es gibt nämlich im PressDisplay-System zwei Arten von Zeitungen: Diejenigen, die schon eine ausgebaute “SmartEdition” anbieten und diejenigen, die das nicht tun. Die erstere Gruppe verfügt meistens eh schon über eine sehr gut gemachte Website mit RSS-Feeds und allen möglichen Formen von Interaktivität, so dass sich der Zusatznutzen der aufgemotzten e-Paper-Ausgabe arg in Grenzen hält.

So bleibt PressDisplay letztlich vor allem eine gute Lösung für Leute, die gern mal in unterschiedlichsten internationalen Zeitungen schmökern wollen und beispielsweise die neusten Entwicklungen in der isländischen Innenpolitik unbedingt ungefiltert im “Morgunbladid” mitverfolgen müssen. Ein prima Tool für jeden ernsthaften News-Junkie also.

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