Fröhliches Experimentieren beim Holtzbrinck-Verlag
Die meisten Zeitungsverlage stehen dem Phänomen Internet weiterhin etwas ratlos oder gar ausgesprochen abwehrend gegenüber. Dass eine Zeitung eine vernünftige Website mit aktuellen Inhalten haben sollte, hat sich inzwischen mehrheitlich rumgesprochen, aber ansonsten herrscht vielerorts ins Digitale umgesetzte Tote-Bäume-Nostalgie in der Form erfolgloser e-Paper-Ausgaben vor.
Erwähnenswerte Ausnahmen gibt es gerade im deutschsprachigen Europa nur wenige. In der Schweiz hat es der Ringier-Verlag geschafft, sich mit ein paar teilweise gar preisgekrönten Blogging-Initiativen und ersten Anfängen von Bürgerjournalismus zu profilieren. Tamedia ist vor allem bei den Kleinanzeigenplattformen recht gut unterwegs, macht aber bei den journalistischen Produkten wenig Innovatives.
Und die NZZ experimentiert gelegentlich mit Podcasts, bleibt aber sonst der Marke entsprechend konservativ.
Mit einer wesentlich grösseren Kelle rührt da in Deutschland die Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck an. Ohne viel Lärm hat sich Holtzbrinck eine Palette an mehr oder minder experimentellen Web-Angeboten zugelegt, die auch international ihresgleichen sucht. Und die Experimentierfreude scheint gross zu sein, wenn man sich die neusten Aktivitäten anschaut.
Wie andere auch betreibt Holtzbrinck schon länger Online-Varianten der eigenen Verlagsprodukte. Das Handelsblatt und die ZEIT gehören klar zu den innovativsten Zeitungswebsites und waren bei den ersten dabei, die mit Blogs und Podcasts experimentierten. Zu Holtzbrinck gehört ausserdem die Partnersuche-Plattform Parship, und zusätzlich ist die Gruppe an den an den Web-Buchshops Booxtra und Buecher.de, am deutschen Ableger des Online-Hörbuchverlags Audible und an der Kleinanzeigenfirma ISA GmbH beteiligt. Letztere betreibt unter anderem den Craigslist-Clone markt.de mit kostenlosen Online-Kleinanzeigen– eine für einen Zeitungsverlag ziemlich ungewöhnliche Strategie.
Jetzt scheint Holtzbrinck nochmals etwas mehr Online-Gas geben zu wollen. Das geheimnisvolle “Holtzbrinck e-Lab” hat in letzter Zeit einige neue Sites freigeschaltet, die ganz offensichtlich voll auf Web-2.0-Trends setzen. Dazu gehören das noch etwas rätselhafte Karten-Mash-up Pointoo.de und der Online-Ratgeber Kiwoo.de. Recht nett, aber mit etwas Boshaftigkeit könnte man sich fragen, ob die Namen wohl mit zwei “o” enden, weil sich das auf “Me too” reimt… Mit der internen Koordination scheint es auch noch etwas zu hapern, oder warum gibt es unter “GuteFrage.net” einen weiteren Online-Ratgeber aus dem gleichen Haus?
Zu dem ebenfalls zu Holtzbrinck gehörenden Blog-Netzwerk Germanblogs.de möchte ich mich nicht weiter äussern, da ich — full disclosure — an einer in einem ähnlichen Bereich tätigen Firma beteiligt bin. Aber sagen wir mal so: Wenn “Frau Blog” eine Person und nicht ein ziemlich generisches Blog zu Frauenthemen wäre, hätte das ganze mehr Glaubwürdigkeit.
Aber wie auch immer: Wenigstens experimentiert Holtzbrinck fleissig, denn das ist in diesem Medium nun mal der einzige Weg, um ein Erfolgsrezept zu finden. Eine sehr erfreuliche Ausnahme in einer sonst eher passiven Branche.
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Claudia Neuhäuser
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