Microsoft in Schwierigkeiten?
Keine leichte Zeit für Microsoft: Die Produktverspätungen häufen sich, nicht nur zum x-ten Mal bei Windows Vista, sondern — wie heute bekannt wurde — auch noch für die nächste Version von Office. Das lang erhoffte neue Filesystem WinFS wird definitiv nicht erscheinen, weder in Vista noch als eigenständiges Produkt. Prominente Mitarbeiter verlassen die Firma, nach Oberblogger Scoble jetzt auch noch Chef-Evangelist Vic Gundotra. Der UMPC ist ein Flop.
MSN kommt nicht so recht vom Fleck, und das gross als Konkurrenz zu Google AdWords angekündigte Microsoft AdCenter erntete bisher vorwiegend Hohn und Spott. Nur der Erfolg der Xbox 360 ist da noch ein kleiner Trost, aber im Moment noch legt die Firma auf jedes verkaufte Gerät Geld drauf. Und so weiter. Dass zu all diesen schlechten Nachrichten auch noch Bill Gates selbst seinen Rückzug angekündigt hat, hilft da auch nicht gerade.
Kein Wunder, dass der Börsenkurs weiterhin wie schon seit langem lustlos vor sich hin dümpelt. Der Gewinn steigt zwar immer noch, aber inzwischen hat Microsoft sogar Analysten-Erwartungen deutlich enttäuscht und macht für die nächste Zeit keine optimistischen Prognosen.
Was ist da bloss los? Es gibt viele Zeichen dafür, dass Microsoft immer noch in der Lage ist, sich innovative Dinge auszudenken. Die neue Office-Version mit einer ganz neu gestalteten Benutzeroberfläche auszustatten, ist beispielsweise ein äusserst mutiger Schritt. Aber gleichzeitig zeigt dieses Beispiel, in welchem Dilemma sich Microsoft aufgrund seiner riesigen Kundenbasis befindet: Werden wirklich alle Firmen weltweit ihre Mitarbeiter auf die neue Office-Bedienung umschulen wollen? Was ganz genau soll man denn mit so einer Office-Suite noch wesentlich besser machen können als heute? Ähnlich sieht es mit Windows Vista aus: Will man sich wirklich einen leistungsfähigeren Computer kaufen, damit man eine Benutzeroberfläche mit ein paar hübschen Glaseffekten und ein paar nette neue Gimmicks benutzen kann? So leid es mir tut, aber von all den angekündigten Vista-Features kann mich keines wirklich begeistern. Die tatsächlich nützlichen Features habe ich alle heute schon durch Produkte von Drittanbietern, nicht zuletzt natürlich von Microsoft-Erzfeind Google.
Ohne Zweifel ist Microsoft in einer äusserst schwierigen Phase seiner Firmenentwicklung angekommen. Das Kerngeschäft (Betriebssystem und Office) ist längst so reif und undynamisch wie dasjenige von Autoherstellern oder Banken. Zu konsolidieren gibt es da nicht viel, mehr als Quasi-Monopolist kann man ja nun wirklich nicht werden. In den neuen Geschäftsfeldern schlägt sich das Unternehmen teilweise wacker, aber tritt an gegen viel beweglichere Konkurrenten, die nicht den Mühlstein einer Dreiviertelmilliarde Kunden am Hals haben. In keinem der neuen Bereiche (Spielkonsolen, Multimedia-Systeme, Handy-Betriebssysteme, Suchmaschinen, Online-Communities, IP-TV, …) ist Microsoft Marktführer.
Kein Zweifel (und beweisbar mit durchgesickerten internen Memos), Microsoft weiss intern sehr genau, dass es grossen Gefahren ausgesetzt ist, primär durch Disruption aus allen Richtungen. Aber, wie man in guten Büchern zu diesem Thema nachlesen kann, Erkenntnis ist eine Sache, richtiges Handeln hingegen eine ganz andere. Microsoft macht 61% des Umsatzes mit Windows, 30% mit Office und 9% mit dem ganzen anderen Zeug (und verliert dort auch noch Geld). Da kann man sich ziemlich gut vorstellen, wie interne Diskussionen über das richtige Setzen von Prioritäten verlaufen.
Das ist der Fluch erfolgreicher Firmen in reifen Geschäftsfeldern. Um ihren bisherigen Erfolg zu verteidigen, können sie gar nicht so innovativ sein, wie sie eigentlich gerne wären. Und das könnte Microsoft zum Verhängnis werden; nicht nächsten Monat oder nächstes Jahr, aber im Verlauf der nächsten paar Jahre. IBM lässt grüssen.
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