Mobile Mediennutzung:
Wo bleibt die digitale Revolution?
Derzeit habe ich jeden Morgen die Gelegenheit, zur Hauptpendlerzeit mit der Bostoner U-Bahn zu fahren. In den letzten drei Wochen habe ich jeden Morgen gezählt, wie viele Leute welche Medien auf ihrem Arbeitsweg nutzen. Das ist natürlich keineswegs eine repräsentative Analyse, aber irgendwie doch aufschlussreich.

Typischerweise fahren in einem U-Bahn-Wagen ca. 70 Personen. Die Mediennutzung verteilt sich durchschnittlich wie folgt:
- 10 Personen lesen ein Buch.
- 2 Personen lesen die regionale Tageszeitung (Boston Globe) und/oder die New York Times.
- 1 Person liest das Wall Street Journal.
- 43 Personen lesen die Gratis-Pendlerzeitung (Metro).
- 7 Personen hören was auf ihrem iPod, und fast alle davon lesen gleichzeitig die Gratiszeitung. Andere Typen von MP3-Playern treten praktisch nicht auf, ganz selten sieht man mal einen Nostalgiker mit tragbarem CD-Player.
- 2 Personen tippen auf ihrem Blackberry oder sonstigem PDA herum.
- 5 Personen konsumieren keine Medien, sondern starren vor sich hin bzw. lesen die Werbeplakate.
Die Gratiszeitung hat also (i-Pod-Multitasker eingerechnet) einen U-Bahn-Medien-Marktanteil von über 70%. Etwas traurig sieht es für die traditionelle Tageszeitung aus. Vielleicht lesen die Leute die ja zu Hause, aber angesichts des Durchschnittsalters der morgendlichen Pendler (etwa 35) könnte man auch vermuten, dass die bezahlte Tageszeitung dieses Segement weitgehend verloren hat.
So weit, so wenig überraschend. Doch was auffällt unter dem Aspekt der Medienkonvergenz:
- 0 Personen lesen e-Books
- 0 Personen konsumieren Content auf dem Handy
- 0 Personen benutzen mobile Spielkonsolen oder Video-Player
- 0 Personen benutzen einen Ultra-Mobile PC
Digitale Medien sind also bisher nur in Form von iPods präsent, sonst dominieren traditionelle Print-Medien. Die Blackberry-User kann man kaum mitzählen, denn die nutzen ihre Geräte zur Kommunikation, nicht zum Konsum von Content.
Man fragt sich, wer eigentlich die vielen tollen mobilen Gadgets aus der Unterhaltungselektronikbranche einsetzt. Einen wesentlich geeigneteren Rahmen als die Fahrt in der U-Bahn würde es ja wohl kaum geben. Und Boston ist beim besten Willen keine technologiefeindliche Stadt — mehr Tech-Startups als hier gibt es sonst weltweit nur im Silicon Valley.
Nur der iPod konnte bisher Fuss fassen. Und da fragt man sich doch: Warum ist das so?
Ich würde primär folgende Gründe sehen:
- Konvergenz-Overload: Die neusten Mobilgeräte
kaywa.com/gadgets/live-von-der-ces-chaos-konvergenz-der-mobilgeraete.html”>können einfach alles
. Und das ist viel zu viel. Offensichtlich setzen sich Geräte mit einem klaren Fokus (iPod kann Musik, Blackberry kann e-Mail) besser durch. - Betreuungsintensive Bedienung: Ich persönlich hätte gern ein Blog-Lese-Gerät, das am Morgen einfach automatisch meine neusten Feeds heruntergeladen hat, ohne dass ich was machen muss. Ich will es einfach mitnehmen können, und der Content soll automatisch da sein. Davon sind wir noch weit entfernt. In den einfachsten Fällen muss man Software auf zwei verschiedenen Geräten ausführlich konfigurieren und manuell Synchronisierungsprozesse starten. Wenn man anspruchsvollere Dinge will, z.B. mit mobilem Video, hilft es häufig, ein Informatikstudium absolviert zu haben.
- Normenchaos beim Content: Bei iTunes gekaufte Songs können leider nur auf iPods abgespielt werden. “Blink” gibt es als e-Book nur für Mobipocket, “The World is Flat” hingegen nur für Adobe Reader. Logisch, oder? Muss ich halt drei oder vier e-Book-Reader installieren. Und zwei bis drei Mobilgeräte kaufen, weil Adobe Reader nur auf Palm läuft, aber nicht auf Windows Mobile oder Symbian.
- Unzuverlässigkeit: Schlechte Batterielebensdauern und instabile Software sind und bleiben ein Problem. Ich habe beispielsweise eine e-Book-Software auf dem PDA, die fast jedesmal vergisst, wo ich im gerade gelesenen Buch zuletzt war. Da fragt man sich, ob die Leute beim Hersteller eigentlich ihre eigenen Produkte je einsetzen.
Wir haben uns (leider) alle daran gewöhnt, dass wir im Büro mit einem alleskönnenden, aber leider sehr betreuungsintensiven PC umgehen müssen. Im Wohnzimmer ist das schon sehr viel weniger akzeptabel. Und unterwegs ist es eine totale Katastrophe, denn niemand hat beim U-Bahn-Fahren Geduld, erstmal fünf Minuten am Medienplayer rumzukonfigurieren, bis Content abspielbar ist.
Die mobile digitale Revolution hat also noch einen weiten Weg vor sich. Und wie der Erfolg des iPod zeigt, liegt das primär an den Herstellern, nicht an der Offenheit der Konsumenten.












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