Web 2.0, massentaugliche Technologien die Vorteil von Bubbles
Mein vorhergehender Beitrag über die Unzulänglichkeiten von Web 2.0 scheint ja irgendwie einen Nerv getroffen zu haben, jedenfalls habe ich noch nie so schnell eine ganze Handvoll engagierter Kommentare gekriegt.
Um eins klarzustellen: Ich bin normalerweise äusserst begeisterungsfähig für neue Technologien, wie allein schon meine Sammlung von Early-Adopter-Gadgets beweist. Dass ich Web 2.0 bis vor kurzem auch noch ziemlich vorbehaltlos toll fand, kann man zum Beispiel hier [PDF 4.0MB] oder in älteren Beiträgen in diesem Blog nachlesen.
Nur: Ab einem gewissen Punkt (nämlich dann, wenn’s kommerziell interessant werden soll) muss man sich die Frage stellen, ob eine Technologie wirklich reif für die breitere Nutzung ausserhalb von Insiderkreisen ist. Und dafür ist nicht technologische Eleganz entscheidend, sondern echte Praxistauglichkeit. Das heisst insbesondere, dass eine Mehrheit von Usern in praktisch jeder alltäglichen Situation die neue Technologie benutzen können sollte. Das wiederum geht nur dann, wenn die Technologie ein paar entscheidende Eigenschaften aufweist. Natürlich ist keine Technologie je perfekt, aber es kommt auf eine ausgewogene Mischung dieser Faktoren an:
- Die Anschaffungs- und Betriebskosten müssen massentauglich, d.h. niedrig genug sein.
Beispiel: VHS hat sich unter den Videosystemen gegen Betamax und Video 2000 aufgrund eines klaren Kostenvorteils durchgesetzt, obwohl es technisch deutlich schlechter war.
Hier liegt Web 2.0 sicher exzellent im Rennen, die Kosten liegen um Faktoren niedriger als bei den Web-Applikationen der ersten Generation.
- Die Benutzung der Technologie darf nicht zu hohen Lernaufwand vorausetzen.
Beispiel: Das Internet gibt es seit 1969. Breit durchgesetzt hat es sich 1993, als der erste grafische Webbrowser auf den Markt kam. Die Internet-Traditionalisten konnten damals mit diesem bunten Geklicke gar nichts anfangen und waren eher dafür, weiter auf Telnet zu setzen…
In Bezug auf Benutzerfreundlichkeit ist Web 2.0 sicher schon recht gut, wenn auch noch verbesserungsfähig.
- Zuverlässigkeit und Robustheit sind wichtiger als viele andere Faktoren.
Beispiel: Der Apple Newton war der erste PDA mit Handschrift-Erkennung, wurde aber zum Flop, weil die Fehlerquote zu hoch war. Palm hingegen hat die User gezwungen, eine vereinfachte Handschrift zu erlernen, die aber praktisch perfekt erkannt wurde. Resultat: Glückliche User trotz Lernaufwand.
Hier fängt es bei Web 2.0 schon ordentlich an zu hapern: Abhängigkeit von Browserversionen, gelegentlich eher wacklige Applikationen (”Perpetual Beta” ist ja nett, aber irgendwann will man auch mal auf einem stabilen Release arbeiten können).
- Die neue Technologie darf keine zu grosse vorhandene Infrastruktur voraussetzen.
Beispiel: Autos, die mit Biodiesel, Strom oder Gas fahren, wären zweifelsfrei eine tolle Sache. Fast alle Tankstellen verkaufen aber nur normales Benzin, und die Hürde, diese riesige Infrastruktur umzustellen, ist (vorerst) viel zu hoch.
Da liegt, wie im vorhergehenden Beitrag beschrieben, meiner Meinung nach der Knackpunkt bei Web 2.0.
Web 2.0 krankt also heute vor allem am letzten dieser Faktoren, den hohen infrastrukturellen Voraussetzungen: ohne Breitband geht gar nichts. Klar, das ist ein Problem, das sich mit der Zeit lösen wird. Aber wir sind — so empfinde ich das zumindest aufgrund meiner Erfahrungen der letzten Montate — von der Lösung noch viel weiter entfernt, als man sich das in der Internet-Szene vielleicht denkt.
Die Durchsetzung erfolgreicher neuer Technologien folgt fast immer einem klar vorhersagbaren Muster, ob man die jetzt (unter verschiedenen Gesichtspunkten) Technology Adoption Lifecycle, Hype Cycle oder wie auch immer nennt. Die Schwierigkeit ist vor allem (und damit beschäftigen sich Horden von Analysten, Venture Capitalists und Unternehmern), das Timing genau vorherrzusehen.
Und genau diese Timing-Frage ist entscheidend: Wo stehen wir eigentlich im Reifungsprozess von Web 2.0? Und noch wichtiger: Mit welchen Massnahmen kann die Entwicklung entlang dieser Kurve vorangetrieben werden?
Im Falle von infrastrukturellen Engpässen (wie wir sie hier wohl haben) ist historisch gesehen die beste Beschleunigungsmethode eine ordentliche Investment-Bubble. Warum haben wir heute eine (relativ) gute Breitband-Verfügbarkeit in der westlichen Welt, zahlen für Transatlantikgespräche nur noch einen Zehntel so viel wie noch vor 10 Jahren oder können per UMTS unterwegs schnell Daten übertragen? Zu einem wesentlichen Teil liegt das daran, dass Ende der neunziger Jahre völlig unvernünftig viel Geld in Telekommunikationsinfrastruktur investiert wurde, weil sich die Investoren gigantische zukünftige Gewinne erhofften.
Den Rest der Geschichte kennen wir: Kurz später gab es ein Blutbad in der Internet- und Telekom-Branche, und erst heute erholen sich diese Sektoren so langsam wieder davon. Dafür können sie jetzt auf eine umfassende Infrastruktur aufsetzen, die faktisch mit den Börsenverlusten von Kleinanlegern finanziert wurde — oft sogar ohne deren Wissen via Pensionskasse. Mit anderen Basistechnologien früherer Zeiten, zum Beispiel der Eisenbahn oder der Telegrafie, war es übrigens sehr ähnlich.
Anders gesagt: Was Web 2.0 vielleicht für die Durchsetzung wirklich fehlt, ist eine richtige Bubble. Das bisschen, was wir in diesem Sektor bisher gesehen haben (z.B. Rupert Murdoch, der gelegentlich das eine oder andere Startup kauft) ist wirklich Kinderkram verglichen mit 1999. Natürlich ist es aber unwahrscheinlich, dass eine vergleichbare Investitionsblase so bald wieder auftaucht, und darum glaube ich, dass der Ausbau der nötigen Infrastruktur länger dauern wird als angenommen.
Das stellt aber, um das auch nochmals klar zu sagen, nicht in Frage, dass ich längerfristig die Web-2.0-Konzepte für sehr wichtig halte. Sie brauchen nur einiges mehr an Reifungszeit.
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