Reality Check im Selbstversuch:
Ist Web 2.0 reif für den Massenmarkt?

Andreas Göldi, 5. Juni 2006 04:08 Uhr, 0 Kommentare Kommentare

Regelmässige Leser dieses Blogs wissen, dass ich in letzter Zeit sehr viel unterwegs war und daher über Monate hinweg meistens keinen regulären Breitband-Internetanschluss benutzen konnte. Mal abgesehen von den damit einhergehenden Unbequemlichkeiten öffnet einem das die Augen für eine Tatsache, die man in der Internet-Szene schon praktisch vergessen hat: Web 2.0, so behaupte ich, ist noch weit weg von einer echten Massentauglichkeit. Und mit “Massentauglichkeit” meine ich, dass mehr als 2/3 der Bevölkerung diese Dienste nutzen könnten.

Das liegt nicht primär an den Anwendungen, sondern an einem infrastrukturellen Problem: Praktisch alle Web-2.0-Anwendungen setzen wie selbstverständlich folgendes voraus:

  • Einen breitbandigen Internet-Anschluss
  • “Always on” oder zumindest zeitunabhängige Benutzung (d.

    h. z.B. keine Minutengebühren)

  • Einen PC mit neuster Browsergeneration, d.h. zu massiven JavaScript-Orgien fähig

Eine solche Infrastruktur ist natürlich selbstverständlich für jeden, der an einem modernen Büroarbeitsplatz arbeitet und zu Hause zeitgemäss ausgestattet ist. Das ist aber für gerade mal maximal die Hälfte der Internet-Nutzer im deutschsprachigen Europa der Fall. Der Rest quält sich immer noch mit langsamen Modemverbindungen, veralteten PCs und Uralt-Browsern herum. Unschön, aber so ist die Realität, und so wird sie wohl noch ziemlich lange bleiben.

Ich bin selbst erstaunt, wie schnell man das vergisst, wenn man vorwiegend in einem internet-affinen Umfeld mit Rundum-Breitbandversorgung arbeitet. Wenn man sich aber zwangsweise für einige Zeit wieder in die Niederungen der Dial-Up-Verbindungen und Windows-98-Surfstationen hinunterbegibt, ist man wirklich erstaunt, wie unbrauchbar in so einem Umfeld das ganze Web-2.0-Zeug plötzlich wird.

Gmail wird zur Qual: Offline kann man es nicht vernünftig benutzen (die POP3-Implementierung ist wirklich schlecht), und über langsame Leitungen ist die Benutzung ein reines Geduldsspiel. Bloggen wird teuer: Wenn man für jede Minute Verbindung zahlen muss, überlegt man sich plötzlich, ob man diesen nächsten Post wirklich schreiben sollte und ob das illustrierende Bild wirklich sein muss. Flickr wird unbrauchbar: Fotos sharen ist prima, aber nicht bei stundenlangen Wartezeiten. Und so weiter. Ob Podcasts, RSS-Feeds, Social Tagging, Mapping-Applikationen oder AJAX-Anwendungen, fast keine der schönen Web-2.0-Neuerungen ist in einem connectivitymässig schlecht ausgestatteten Umfeld wirklich ernsthaft benutzbar. Und man hat auch nicht den Eindruck, dass sich die Softwarehersteller um diese Tatsache auch nur andeutungsweise kümmern würden. Logisch, denn wenn sie es tun würden, wären sie ja normale PC-Softwarehersteller. Und das will man ja heutzutage nicht sein als hippes Web-2.0-Startup.

Das ist ein echtes Problem, denn zumindest für mich reduziert es nach diesen Erlebnissen drastisch meine Bereitschaft, mich auf web-basierte Applikationen zu verlassen. Die Vorstellung, meine Termine beispielsweise in Google Calendar oder 30 Boxes zu verwalten, erscheint mir aus heutiger Sicht komplett absurd. Eine Anwendung, die so stark von einer noch nicht selbstverständlichen Infrastruktur abhängt, ist einfach noch nicht robust genug. Erst wenn Breitband-Internet ungefähr so universell verfügbar wird wie elektrischer Strom, kann sich das ändern.

Klar, in dem Umfeld, in dem sich die meisten Web-2.0-Experten bewegen (also im wesentlichen zwischen vernetztem Büro und vernetztem Heim mit mobilem Breitbandzugang dazwischen), ist das tatsächlich jetzt schon der Fall. Es gilt fast immer die 2-Stunden-Regel: Nach spätestens 120 Minuten bin ich wieder bei einem breitbandig verbundenen PC. Aber man darf nicht vergessen, dass erst ein Bruchteil der Bevölkerung so stark connected ist. Und wenn man zum grossen Rest gehört oder in Länder reist, wo die Connectivity noch sehr unentwickelt ist, wird Web 2.0 plötzlich zur unbrauchbaren Farce.

Eine interessante Frage also: Wann wird die Breitbandversorgung wirklich so umfassend und robust werden, dass webbasierte Anwendungen für die Masse der Konsumenten brauchbar werden? Bis dahin jedenfalls braucht Microsoft noch keine allzu grosse Angst vor der Konkurrenz aus dem Web-Umfeld zu haben.

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