Telecoms in den USA:
Willkommen in Absurdistan

Mein derzeitiger längerer USA-Aufenthalt bringt es mit sich, dass ich mich hier natürlich auch telekommunikativ angemessen ausstatten muss. Als naiver Europäer denkt man ja immer, dass die USA so unglaublich weit sind mit Telekommunikation, und dass insbesondere der Level an Service unendlich viel höher liegen muss als im immer noch von ehemaligen Staatskonzernen dominierten “Old Europe”.

Weit gefehlt.

Erster Schritt: Infrastruktur für zu Hause bestellen. Da es hier schon lange die totale Wahlfreiheit des Telco-Anbieters gibt, ist beim Einzug in eine neue Wohnung zunächst mal gar nix installiert. Welchen Anbieter man auch immer auswählt: erstmal muss der die Verkabelung mehr oder weniger frisch legen, was natürlich dauert. Darum muss man einen Installations-Termin vereinbaren, und natürlich ist dann der frühestmögliche Termin in bestenfalls eineinhalb oder zwei Wochen.

Falls man damit nicht zufrieden ist, muss man einige Stunden in “Call Center Hell” verbringen und darf sich nicht zu sehr ärgern, wenn von den vielen Rückruf-Versprechen nie eins eingehalten wird. Spannend auch, wie der Keller unseres Apartment-Gebäudes verkabelt ist: Da sind schätzungsweise etwa fünf Verkabelungs-Generationen von etwa acht Anbietern unzertrennlich ineinander verflochten. Da bin ich schon mal gespannt, wie man jemals den Fehler finden will, falls mal was aussteigt.

Wenn nun das ganze noch viel billiger wäre als in Europa, würde man sich ja nicht beklagen. Das ist aber leider nicht der Fall. Wir haben uns jetzt für ein “Triple Play”-Angebot des lokalen Kabelfernsehanbieters entschieden (mit Fernsehen, Internet, Telefon), und dafür bezahlt man fast 1.5 mal so viel wie für die gleiche Leistung in Downtown Zürich.

Irgendwie wünscht man sich da fast schon wieder das gute alte Last-Mile-Duopol aus der Heimat zurück. Hätte ich auch nicht gedacht, dass ich das mal sagen werde.

Zweiter Schritt: Mobiltelefon besorgen. Ich dachte bisher immer, dass die Preisstrukturen europäischer Anbieter schon komplett wirr und intransparent sind, aber das ist noch überhaupt kein Vergleich mit den amerikanischen Telcos. Verkauft werden da grundsätzlich nur Minutenpakete, z.B. 1400 Minuten im Monat. Die gibt es mit Rollover (also Übertrag ungebrauchter Minuten auf den nächsten Monat) oder ohne, und dazu kommen Dutzende von Unteroptionen. Was von den Minutenguthaben pro Gespräch genau abgezogen wird, ist auch komplett unklar. Telefonieren zu einem Handy des gleichen Anbieters ist manchmal gratis, manchmal aber auch nicht. Abhängig ist das von gewissen technischen Gegebenheiten (irgendwelche Sendemasten, die direkt miteinander funken können), die für den Konsumenten total undurchschaubar sind. Nach langem Studium diverser Broschüren und Websites entscheidet man sich dann für ein Angebot, wo man wenigstens nicht sofort den Eindruck hat, übers Ohr gehauen zu werden.

Ach ja, international telefonieren wollen wir natürlich auch. Dafür muss man ein Extrapaket für ein paar Dollar im Monat bestellen, denn mit normalen Handy-Abos gehen keine International Calls (welcher normale Amerikaner will denn schon Ausländer anrufen…?). Kein Problem, kann man gleich mitbestellen, der Verkäufer verspricht hoch und heilig, dass das morgen aufgeschaltet wird. Als nach zwei Tagen noch immer keine internationalen Gespräche gehen, rufe ich mal beim Kundendienst an, und schon nach nur fünfmaligem Weiterverbinden (wobei die Wartezeit in der Call-Center-Leitung wohlgemerkt von meinem Minutenguthaben abgezogen wird), bekomme ich jemanden an den Draht, der die Frage beantworten kann: Leider könne man uns dieses wunderbare Paket nicht verkaufen, weil wir noch nicht 90 Tage lang Kunde sind. Man habe sehr schlechte Erfahrungen gemacht mit Ausländern, die exzessiv ins Ausland telefonieren und dann die Rechnung nicht zahlen können, darum muss man sich erstmal drei Monate lang als braver Kunde bewähren.

Kann ich ja irgendwie noch verstehen. Ich frage darum, ob wir womöglich im voraus bezahlen können, weil wir nun mal wirklich häufig ins Ausland anrufen müssen. Das gehe leider nicht, teilt man mir mit, aber wir können einen Antrag in dreifacher Ausführung ans International Customer Care-Büro richten, das dann fallweise entscheiden wird, ob man unser Geld gnädigerweise vor dem Ablauf der Bewährungsfrist anzunehmen gedenkt. Willkommen in der freien Marktwirtschaft…

Nächstes Thema: Mobiler Internet-Zugang. Dafür gibt es auch wieder ein gutes Dutzend unterschiedlicher Pakete. Nachdem ich dem Verkäufer mühsam klargemacht habe, dass ich definitiv keinen Blackberry will, sondern meinen Qtek weiterbenutzen möchte, entscheide ich mich für das billigste Unlimited-Data-Paket für PDAs. Komischerweise gibt es auch noch ein featuremässig identisches Paket, das aber anders heisst und $20 mehr im Monat kostet. Auch der Verkäufer ist ratlos, was dabei der Unterschied sein soll. Erst ein ausführliches Studium des Kleingedruckten bringt Klarheit: Mit meinem Billigpaket darf ich die Verbindung nur mit dem PDA selbst nutzen, aber nicht mein Notebook über den PDA mit dem Internet connecten.

Interessant. Rein zu Forschungszwecken probiere ich mal aus, ob das technisch trotzdem gehen würde, und selbstverständlich ist es kein Problem, via Bluetooth vom Notebook aufs Internet zu kommen. Mit anderen Worten: Der freundliche Mobilfunkanbieter will mir gern $20 pro Monat mehr abknöpfen, damit ich ein Feature benutzen darf, das eh schon aufgeschaltet ist (und auch gar nicht technisch unterdrückt werden kann, denn das Netz sieht ja nicht, ob ein IP-Paket vom PDA oder vom Notebook kommt). Nichts gegen angewandte Geldgier, aber den Kunden so komplett für blöd zu verkaufen, ist schon ein starkes Stück. Übrigens: Das Gerücht, dass der Mobilfunkempfang in den USA ziemlich schlecht ist, ist leider wahr. Nicht nur in Europa, sondern selbst im hintersten Winkel von Marokko hatte ich besseren Empfang als in Downton Boston.

Derzeit liefern sich lustigerweise die “klassischen” Telcos und die Kabelanbieter im Werbefernsehen eine wüste Propagandaschlacht. Beide behaupten von der jeweils anderen Gruppe, dass sie die Konsumenten ganz schlimm betrügen würde. Die Telcos werfen den Kabelanbietern vor, die TV-Verbreitung zu monopolisieren und überhöhte Preise zu verlangen, während die Cable-Firmen den Telcos ihre schurkigen Pläne vorhalten, die Applikationsneutralität des Internets (“Net Neutrality“) beenden zu wollen. Hintergrund ist die derzeit laufende politische Diskussion über diese Themen, die in einer baldigen Gesetzesänderung resultieren könnte.

Bisheriger Höhepunkt war ein heute ausgestrahlter Spot der Telco-Fraktion, der den Leuten tatsächlich im vollen Ernst weismachen wollte, dass die Abschaffung von Net Neutrality den Konsumenten jährlich $23 Mia. sparen würde. Wie man genau auf diese Zahl kommt oder was da der inhaltliche Zusammenhang sein soll, wird natürlich nicht weiter erläutert… Als Konsument wird man jedenfalls den Eindruck nicht los, dass es vielleicht für alle Beteiligten nützlicher wäre, die Kohle statt in die vielen Werbespots lieber in den Kundendienst und die Infrastruktur zu stecken.

 

UPDATE: Heute haben wir unser allererstes Stück Post in der neuen Wohnung gekriegt. Und zwar einen Werbebrief vom gleichen Kabelfernsehanbieter, der uns leider nie die Leitung liefern kann. Super. Werbung können sie dann wieder.

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