Man könnte langsam den Eindruck kriegen, dass sich das “Magazin” des Tagesanzeigers als Ludditen-Fachblatt positionieren will. Kürzlich gab es schon den vieldiskutierten Internet-Artikel von Guido Mingels, und in der neusten Ausgabe jubelt Edgar Schuler: “Die Zeitung lebt” (Da online natürlich nicht erhältlich: Scan beim namics Blog).
Die Internet-Gurus kapieren nämlich gar nichts, schreibt Schuler. Wenn Vinton Cerf der gedruckten Zeitung ihren “systembedingt” beschränkten Platz für Informationen vorwirft, verkennt er genau die grösste Leistung der Zeitung, so Schuler: Ein kompaktes, überschaubares Informationspaket anzubieten, eine Insel im Ozean der Informationsüberflutung. Nach ein bisschen Journalisten-Selbsttröstung schreibt Schuler dann schliesslich noch was über “blökende Blogger”, und das war’s dann wieder mit einem weiteren etwas polemischen Beitrag zum Streit Old vs. New Media.
Wie immer bei weltanschaulichen Differenzen wird diese Diskussion natürlich von beiden Seiten nicht unbedingt besonders rational geführt. Sehr interessant finde ich in diesem Zusammenhang übrigens den Vorschlag von Andrew Keen, den alten politischen Streit zwischen Links und Rechts durch “Digital vs. Analog” zu ersetzen. Aber das nur am Rande.
Bemühen wir statt Polemik doch zur Abwechslung mal die Wissenschaft: Beide Seiten (Zeitungsleute und Internet-Gurus bzw. Blogger) behaupten, ihren jeweiligen Lesern Information auf optiomale Weise anzubieten. Die einen setzen auf kompetente Filterung durch Journalisten und damit Reduktion auf das Wesentliche, die anderen auf praktisch unbegrenzte Auswahl und eigenverantwortliche Selektion durch den Leser.
Wenden wir darauf doch mal die ganz klassische Informationstheorie von Shannon an (die man dafür zugegebenermassen etwas strapazieren muss): Dieser zufolge ist eine Information dann am nützlichsten, wenn sie den richtigen Neuigkeitsgehalt aufweist. Wenn ich z.B. eine Vorlesung über fortgeschrittene Quantenphysik auf Suaheli höre, ist das zwar inhaltlich und formell alles neue Information für mich, aber ich kann damit nichts anfangen, weil ich nirgends anknüpfen kann. Umgekehrt ist eine mir schon völlig bekannte Information (wenn mir jemand z.B. einen meiner eigenen Blogbeiträge vorliest) ebenso unnütz. Es kommt also darauf an, so viel Neuigkeitsgehalt in einer Information vorzufinden, dass ich daraus neue Erkenntnisse ableiten kann, aber auch so viel Bekanntes, dass ich die neue Information sinnvoll in mein gesamtes Wissen einbetten kann. Das ist auch intuitiv einleuchtend.
Nun könnte man aus der Perspektive der Zeitungsjournalisten argumentieren: Genau diese Leistung vollbringt eine gute Zeitungsredaktion. Sie wählt aus der Menge der täglich eintreffenden Meldungen diejenigen aus, die für die Leser relevant sind und stellt sie in einen Kontext, der das Verständnis erleichtert.
Dieses Argument ist zweifelsfrei richtig, hat aber nichts mit dem eigentlichen Verbreitungsmedium zu tun, sondern nur mit der redaktionellen Leistung, die genauso in anderen Medien stattfinden kann. Man kann daraus noch lange nicht ableiten, dass der begrenzte Platz einer Zeitung ein Vorteil ist.
Im Gegenteil: Ebenso einleuchtend vor dem gerade genannten theoretischen Hintergrund ist, dass die Relevanz einer Information hochgradig subjektiv ist. Jedes Individuum misst einer bestimmten Meldung eine andere Signifikanz zu. Das wiederum bestimmt, wie viel man über ein bestimmtes Thema im Detail wissen will. Mich interessiert in der Zeitung beispielsweise der Wirtschaftsteil und die (gelegentlich stattfindende) Technologieecke am meisten, während mir der Sportteil meistens herzlich egal ist. Darum hätte ich gern mehr Wirtschaftsteil und weniger Sport. Bei anderen mag es genau umgekehrt sein. Der begrenzte Platz einer Zeitung und die gewählte Themenmischung ist darum ein Kompromiss, der für niemanden wirklich optimal ist.
Und genau da spielt das Internet auf zwei Ebenen seinen Vorteil als Informationsmedium aus: Erstens habe ich die Gelegenheit, zu fast jedem mich interessierenden Thema weitere, vertiefende Information zu finden (per Link oder per Suchmaschine). Zweitens kann ich mir aus einem riesigen Angebot an Quellen zu sehr geringen Kosten diejenigen “Publikationen” aussuchen, die ich regelmässig verfolgen will. Das Instrument der Stunde hierfür ist natürlich der RSS-Reader.
Das Internet als quasi unbegrenztes Informationsmedium hat also den Vorteil, potentiell eine viel grössere Relevanz für das Individuum erreichen zu können als ein “begrenztes” Medium wie die Zeitung (und erst recht das Fernsehen). Nur, und das ist der Knackpunkt: Damit sind auch Kosten verbunden — meistens nicht im finanziellen Sinn, sondern in Form von Zeit, die der User aufwenden muss, und von Know-How, das man sich zur sinnvollen Nutzung dieses komplexeren Mediums zuerst erwerben muss.
Oder um es etwas zugespitzt zu formulieren: Die Zeitung ist das begrenztere, “einfachere”, dafür auch (im Sinn von Leser-Aufwand) “billigere” Medium. Das Internet ist reichhaltiger, potentiell relevanter, aber erfordert im Umgang auch mehr Aufwand und Medienkompetenz.
Das erklärt auch problemlos die von Schuler angeführten Erfolgsbeispiele aus dem Print-Bereich: Natürlich ist eine Pendlerzeitung wie “20 Minuten” erfolgreich, weil sie eine zeitliche Lücke im Tagesablauf der meisten Pendler ausfüllt, in der den meisten Leuten nicht der Sinn nach tiefschürfender Hintergrundinformation und aktiver Informationssuche steht. Das Internet kann diese Lücke schon aus rein praktischen Gründen — z.B. begrenzte mobile Connectivity, ungeeignete Endgeräte — (noch) nicht füllen.
Klar ist also, dass auch weiterhin Zeitung und Internet koexistieren werden. Nur wird leider der Bereich, der von der Zeitung erfolgreich abgedeckt wird, zunehmend kleiner. Und das hat die unschöne Konsequenz (worauf auch Jürg Stuker hinweist), dass die Businessmodelle zunehmend in Schieflage geraten.
Das Internet entwickelt sich nämlich immer mehr zum Superset anderer Medienformen, das viele der Funktionen anderer Medien abdecken kann. News statt in der Zeitung online zu lesen war der erste Schritt, im Moment erleben wir gerade die grosse Online-Video-Welle, und die Blog-Revolution hat erst gerade richtig angefangen. Das alles wird dazu führen, dass wir den Umgang mit dem Medium Internet auf absehbare Zeit immer wieder neu erlernen müssen.
Für die einen mag das lohnend sein, andere mögen sich dem verweigern und nur noch Zeitung lesen, weil da alles so schön vorgefiltert ist. Hauptsache aber ist: Wir als Konsumenten haben die Wahl. Und das schmeckt auf der Seite der Medienschaffenden nicht jedem.