Zeitungen in der Krise:
Müssen neue Eigentümer her?

Andreas Göldi, 28. April 2006 15:12 Uhr, 0 Kommentare Kommentare

Über die aktuelle Krise der Zeitungsbranche wurde schon reichlich geschrieben, und die daraus folgenden Anpassungsprozesse zeigen sich ja auch schon — zumindest in den USA — deutlich in der Form von Konsolidierung und neuen Produktkonzepten. Vermutlich ist das letztlich ein gesunder, normaler wirtschaftlicher Adaptionsprozess: Neue Technologien (Internet) verändern das Kundenverhalten, die bisherigen Anbieter (Zeitungen) geraten unter wirtschaftlichen Druck und müssen sich den neuen Kundenbedürfnissen anpassen. Marktwirtschaft at its best. Schumpeter lässt grüssen.

Anderer Ansicht ist da John Carroll, ehemaliger Chefredakteur der LA Times und jetzt Dozent in Harvard. In einer Rede vor der American Society of Newspaper Editors gab er die Schuld den geldgierigen Eigentümern der Zeitungskonzerne, die nur an finanziellem Gewinn interessiert seien und die hehre öffentliche Aufgabe der Zeitungen missachteten.

Hauptschuldige sind laut Carroll natürlich die schurkigen Investmentfonds (in Deutschland als “Heuschrecken” bekannt), die ohne Rücksicht auf die intellektuelle Führungsrolle der Zeitungsjournalisten ihre Investments nur nach finanzieller Performance steuern und die Zeitungsverlage zu immer neuen Sparrunden zwingen.

Darum sollten Zeitungen lokalen Eigentümern gehören, schlägt Carroll vor, die die Wichtigkeit der Zeitung für die Gesellschaft erkennen und “den Stolz der Zeitung wiederherstellen”, auch wenn die Rentabilität nicht stimmt. Und Journalisten soll man bitteschön nicht mit Sparübungen und Lohnkürzungen bedrohen, da sie sonst nicht mehr mutig über die gesellschaftlichen Missstände berichten können.

Was er da freilich nicht erwähnt, ist die Tatsache, dass Zeitungsverlage über lange Jahre hinweg zu den profitabelsten Unternehmen überhaupt gehörten. Von den Margen, die im Zeitungsgeschäft in den besten Jahren verdient wurden, können andere Branchen nur träumen. Verglichen mit den Restrukturierungswellen, die anderswo durchgemacht wurden, jammern die Medienunternehmen (und die Journalisten) immer noch auf ziemlich hohem Niveau.

Ich persönlich finde es immer etwas verdächtig, wenn eine Branche ihren “besonderen Wert für die Gesellschaft” herausstreicht, um schlechte wirtschaftliche Performance oder rechtliche Sonderbehandlungen zu rechtfertigen. Medienunternehmen sind profitorientiert wie andere Firmen auch und müssen sich an den gleichen Masstäben messen lassen. Und Journalisten arbeiten trotz Sendungsbewusstsein auch nicht gratis.

Dass den Zeitungen Leser weglaufen und ihnen hinterher die Anzeigenkunden, hat nichts mit bösen Investmentfonds zu tun, sondern mit veränderten Kundenbedürfnissen. Wenn Zeitungen der Gesellschaft dienen wollen (was man in dieser Argumentation ja als Hauptmotiv vorgibt), dann sollte man sich zuerst mal daran orientieren, wie die Gesellschaft heute offenbar ihre Informationen beziehen will.

Nebenbei bemerkt: In der Schweiz haben wir es da derzeit noch besser. Da gibt es sogar noch Verleger, die sich schöne Magazine “für politische Kultur” halten und ihre Boulevard-Titel auf Volksbildung hin optimieren, auch auf die Gefahr eines empfindlichen Auflageverlustes hin. Bemerkenswert ist auch, dass die politisch stramm ausgerichteten Titel sowohl am linken und liberal-rechten Rand nicht gerade die finanziell beste Performance zeigen (vorsichtig formuliert). Das ist eben noch echtes publizistisches Sendungsbewusstsein, wie man sich das offenbar auch in Amerika wünscht.

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