Ist das Web gefährlich für die öffentliche Diskussion?
Von Andreas Göldi am 18. April 2006 um 10:26 Uhr Kommentare (0)
Kategorien: Analysen
Man würde ja komischerweise irgendwie nicht denken, dass berühmte Intellektuelle wie Jürgen Habermas sich mit so banalen Dingen wie dem World Wide Web auseinandersetzen, obwohl ein Soziologe das ja heutzutage möglicherweise tun sollte. Wie bei Andrew Keen zu lesen ist, beschäftigt sich Habermas aber durchaus mit diesem Thema.
In einer kürzlich gehaltenen Rede [PDF] beklagte Habermas den Einfluss des Web auf die öffentliche Diskussion:
Die Nutzung des Internet hat die Kommunikationszusammenhänge zugleich erweitert
und fragmentiert. Deshalb übt das Internet zwar eine subversive Wirkung auf autoritäre Öffentlichkeitsregime aus.
Aber die horizontale und entformalisierte Vernetzung der Kommunikationen schwächt zugleich die Errungenschaften traditioneller Öffentlichkeiten. Diese bündeln nämlich innerhalb politischer Gemeinschaften die Aufmerksamkeit eines anonymen und zerstreuten Publikums für ausgewählte Mitteilungen, sodass sich die Bürger zur gleichen Zeit mit denselben kritisch gefilterten Themen und Beiträgen befassen können. Der begrüßenswerte Zuwachs an Egalitarismus, den uns das Internet beschert, wird mit der Dezentrierung der Zugänge zu unredigierten Beiträgen bezahlt. In diesem Medium verlieren die Beiträge von Intellektuellen die Kraft, einen Fokus zu bilden.
Oder, um es wieder mal etwas bösartig zu interpretieren: Intellektuelle sind beleidigt, weil im Internet plötzlich jeder mitdiskutieren kann. Und der normale Bürger, denkt man sich wohl im Elfenbeinturm, ist eh zu doof, um sich eine eigene Meinung zu bilden, wenn ihm nicht ein paar Professoren vorgeben, was er zu denken hat.
Aber es wäre sehr voreilig und oberflächlich, solche Kritik einfach als Fortschrittsfeindlichkeit ewiggestriger, eitler Intellektueller abzutun. Einen wahren Kern hat das ganze durchaus. Wenn man mal sein eigenes Verhalten beim Konsum der endlosen Informationsmengen im Web beobachtet, stellt man fest: Viel Fokus ist da meistens nicht. Das ist mir in den letzten zwei Wochen besonders aufgefallen, weil ich reisebedingt nur sehr sporadischen Internet-Zugang hatte. Plötzlich hat man, wenn man zwangsweise offline ist, mal wieder Gelegenheit, ein bestimmtes Konzept etwas tiefer als bis zum nächsten Blog-Post zu verfolgen.
Die immer neue, immer frische Information aus dem Web kann fast schon eine drogenähnliche Anziehungskraft ausüben, wenn man nicht aufpasst. Es fällt dann manchmal schwer, auch mal mit etwas Distanz eine Idee etwas tiefer durchzudenken, ohne ständig “Reload” im RSS-Reader zu drücken, um den nächsten Info-Fix zu bekommen. Einen guten Artikel dazu hat kürzlich Nicholas Carr geschrieben.
Vermutlich müssen wir alle überhaupt erst mal lernen, mit diesem neuen Medium richtig umzugehen. Und daraus, davon bin ich überzeugt, werden sich neue Formen der Öffentlichkeit ergeben, die den heutigen Formen überlegen sein werden (oder zumindest das Potential dazu haben). Aber dahin ist noch ein langer Weg.
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