Endlich aufgedeckt:
Blogger schuld am Irak-Krieg

Andreas Göldi, 23. März 2006 07:43 Uhr, 0 Kommentare Kommentare

Die Meinungsschlacht zwischen Bloggern und Old-Media-Journalisten über die Zukunft der Medien tobt ja bekanntlich schon länger. Neben fundierten Äusserungen von beiden Seiten gibt es zwischendrin auch mal Beiträge, über die man wirklich nur noch den Kopf schütteln kann.

So schreibt die Zeitungskolumnistin und Auslandskorrespondentin Georgie Anne Geyer in ihrem Beitrag “Without Newspapers, Americans can’t understand the world“, dass die amerikanischen Bürger nur dank dem Zeitungsjournalismus überhaupt eine einigermassen konsistente Ahnung haben (bzw. hatten), was in der Welt vorgeht und wie das zu bewerten ist. Eine besonders wichtige Rolle für das Überleben der Demokratie kommt also — wer hätte das gedacht ? — den Zeitungskolumnistinnen und -kolumnisten zu.

Gut, Frau Geyer hat offenbar ein ausgeprägtes Selbstwertgeführt für ihren Berufststand. Dagegen ist ja nichts zu sagen, aber etwas merkwürdig ist, dass sie die Wurzel allen Übels ausschliesslich in den anderen Medien, also Nicht-Zeitungen, zu erkennen glaubt:

“My theory is that we Americans have so picked and chosen our news that we have lost that comprehensive view of the world that only a newspaper gives. You may only read a few stories thoroughly, but you are inexorably exposed to ones you don’t choose — labor news in Detroit, deaths in Darfur, economic successes in Finland, a zoning excess in your own community.”

Und noch schöner ist, dass sie ganz zweifelsfrei rausgefunden hat, wer an der Verdummung der Amerikaner und dem daraus direkt folgenden Irak-Krieg schuld ist: Die bösen Blogger nämlich, die alle einfach so unkontrolliert ihre Meinung verbreiten und damit Aufmerksamkeit abziehen von dem, was uns Zeitungskolumnistinnen zu sagen haben.

“Think a little further. If more Americans had had a comprehensive view of the world — the kind that is irrevocably blurred by the 80,000 new blogging sites launched every week — it would have been barely possible for the 30 people who in essence started the Iraq war to have acted without the accord of the American people.”

Komisch, dunkel glaube ich mich erinnen zu können, dass strukturell ähnliche Dinge schon in Zeiten vorgefallen sind, als es noch kein Fernsehen und schon gar keine Blogs gab — sondern nur Zeitungen, denen die Leute blind geglaubt haben, die aber leider die eigenen Interessen ihrer Eigentümer verfolgt haben.

Vielleicht wäre Frau Geyer und andere, die so denken, etwas überrascht darüber, dass ich ihren kritischen Beitrag in einem RSS-Reader via ein Blog auf Yahoo News gefunden habe — und nicht in der Zeitung.

(Ach, übrigens sind es nicht 80′000 neue Blogs pro Woche, sondern derzeit 70′000 neue pro Tag. Aber Recherche ist Glückssache, wenn man nicht wissen will, was “Technorati” ist.)

» Weitere Analysen lesen.

» Nächster Artikel: Googles Ausflug in die Printmedien bleibt bisher erfolglos
» Älterer Artikel: Google Finance: Google geht unter die Content-Anbieter

» Drucken
» Merken/E-Mail


Einen Kommentar schreiben

Wir sind sehr an einer offenen Diskussion interessiert, behalten uns aber vor, beleidigende Kommentare sowie solche, die offensichtlich zwecks Suchmaschinenoptimierung abgegeben werden, zu editieren oder zu löschen. Mehr dazu in unseren Kommentarregeln.

 
blogoscoop slug