Die intellektuelle Hackordnung im Internet ist mehrstufig
Irgendwie lustig: Ich habe mich in letzter Zeit einige Male etwas an Kommentaren von traditionellen Intellektuellen wie Andrew Keen oder auch Nicholas Carr gestört, die von ihrer hohen Warte im Elfenbeinturm gern mal ihre Verachtung für “normale” Blogger äussern. Blogger können nicht schreiben, argumentieren inkonsistent und sollten darum ihre Meinung lieber für sich behalten, meinen die Herren.
So prügelte Andrew Keen beispielsweise neulich verbal auf einen armen Durchschnittsblogger ein:
“Reynolds writes like a typical blogger. Which is to say that he uses — or rather abuses — the English language shamelessly.
[...] These are the words of someone who writes before he thinks. These words are pretentious. And they are mostly meaningless.”
Fies, oder? Aber andererseits: So fühlt sich doch der typische Blogger auch gern — als medialer Underdog, der gegen das intellektuelle Establishment anschreibt und die Freiheit der Meinungsäusserung verteidigt.
Jetzt stellte ich aber im Schweizer Kontext fest, dass es da noch eine weitere Stufe nach unten gibt: Oliver “Morphi” Müller aus Schaffhausen, ein junger Durchschnittsblogger im besten Sinne, äusserte sich neulich kritisch (nicht unberechtigterweise, wie ich finde) über meinbild.ch, die Schweizer Version von MySpace.com:
“Ist euch schon aufgefallen, wie viel junge Teenager sich sehr provokativ und sexistisch präsentieren? Wenn deren Eltern davon wüssten, wären sie alles andere als begeistert. [...]Nicht zu vergessen sind diese unleserlichen Texte mit diesen Slangs und Schreibweisen der Jugendliche. [...] Kein Wunder werden immer mehr Schweizer schlecht im Lesen und Schreiben, wenn sie bald nicht mehr wissen, wie sie die einfachsten Dinge richtig schreiben.”
Seither kriegt Morphi Dutzende von Kommentaren in etwa folgendem Stil:
“das mit kei wunder das schwizer bald nüm chöne läse und schriebe isch gröste sh** wo ich khört han…. me dörf doch schriebe wie me will und was me wil oder nit???”
(Übersetzung für die Leser aus Deutschland: “Das mit kein Wunder dass Schweizer bald nicht mehr lesen und schreiben können, ist die grösste Sch***, die ich je gehört habe. Man darf doch schreiben wie man will und was man will, oder nicht?” — auszusprechen unabhängig von ethnischer Zugehörigkeit vermutlich mit leichtem Erkan&Stefan-Tonfall, damit es auch cool slangmässig rüberkommt)
Oder:
“hey zäme, i find de meinbild isch voll easy kuhl da hani min alli fründe und so da sich au nöd so übatriebe schlecht aba da isch ne beleidigung was du da schriebst nä? chanst ja liäb sein muesst ja nöd de meinbild liäbe hani nöd gesegt das du meinbild liäbe solst oda?”
(Übersetzung… ach, lassen wir es.)
Inzwischen bittet Morphi in der Kommentarfunktion explizit darum, für weitere Beiträge Hochdeutsch zu verwenden und nicht Schweizerdeutsch-Slang, was die Meinbild-Kids aber selbstverständlich ignorieren. Man lässt sich ja schliesslich vom Establishment nichts sagen. Kennen wir ja.
Arme Jugendliche. Werden immer gedisst von diesen arroganten Durchschnittsbloggern…













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