Der DRS3-Bericht und das Expertentum in den Medien
Die Schweizer Blogger-Szene regt sich gerade ausführlich über einen Beitrag auf Radio DRS3 auf, in dem Blogs mehr oder weniger als irrelevante Modeerscheinung dargestellt wurden. Die Kritik an diesem Beitrag muss man wohl kaum mehr vertiefen, denn ausführliche Besprechungen gibt es schon genug. Im Prinzip reiht sich diese Reportage auch nur nahtlos in die Reihe blogkritischer (und meist eher inkompetent recherchierter) Berichte in den Schweizer Medien ein. Über die möglicherweise tiefer sitzenden Gründe habe ich mir hier auch schon ausgelassen.
Was aber am DRS3-Beitrag auffällt, sind die Aussagen von Medienwissenschaftler Mirko Marr von der Uni Zürich. Aus Marrs Aussagen kann man nur schliessen, dass er keine besonders grosse Sachkenntnis über Blogging hat oder diese zumindest in dem Beitrag nicht rüberbringen konnte (oder wollte?). Zumindest aber, kann man seiner Publikationsliste entnehmen, publiziert er über Internet-Themen stark aus der Sichtweise klassischer Medien. Das hat seine Berechtigung, aber als jemand, der das Phänomen “Blogs” differenziert ausleuchten kann, wäre er darum wohl kaum erste Wahl. Warum taucht er dann als Experte in einem Radiobeitrag auf?
Da ich selbst schon das eine oder andere Mal das Vergnügen hatte, als “Experte” von diversen Medien interviewt zu werden, kann ich diese Fehlbesetzung gut nachvollziehen. Gerade elektronische Medien suchen sich ihre Experten selten nach dem Kriterium “Kompetenz” aus, sondern lieber nach dem Aspekt “Ist noch vor Redaktionsschluss für ein Interview verfügbar und kann drei zusammenhängende Sätze von sich geben”.
Das läuft dann beispielsweise so ab wie damals, als ich als Experte für Computerviren für einen bekannten Schweizer Privatsender herhalten musste (Verkürzte Wiedergabe eines tatsächlichen Falls, der ca. 3-4 Jahre her ist. Echte Namen der Redaktion bekannt):
Telefon klingelt, ich hebe ab. Am anderen Ende spricht der Journalist.
Journalist: “Guten Tag, hier ist Fritz Müller von Tele Hintertupfingen. Ich habe ihren Namen von einem Kollegen erhalten, wir suchen nämlich für ein Interview einen Experten für Computerviren. Im Moment geht ja gerade dieser neue Virus um.”
Ich: “Danke für Ihre Anfrage. Ich mache zwar viel mit IT und Internet, aber ich bin kein Experte für Viren. Das ist ein sehr spezielles Gebiet.”
Journalist: “Aber sie könnten doch sicher einige kurze Aussagen zu diesem neuen Virus machen? Wir müssten nämlich noch bis 16 Uhr ein Interview mit einem Experten haben. Müsste wirklich nur ganz kurz sein.”
Ich: “Ein paar Dinge könnte ich vielleicht schon sagen, aber das wäre wirklich nur ganz oberflächlich.”
Journalist: “Das reicht schon aus, wir machen ja kein Schulfernsehen hier, haha. Dann ist also in 15 Minuten unser Kamerateam bei Ihnen.”
So wurde ich also zum Experten für Viren. In der Mischung aus Überrumpelung und Geschmeicheltsein, dass das *Fernsehen* mit einem reden will, macht man dann halt irgendwie mit. Und man erlebt als “Experte” die Macht der elektronischen Medien: Noch zwei Jahre später wurde ich auf diesen kümmerlichen Beitrag ehrfurchtsvoll angesprochen.
Der Sender hat mich übrigens noch einige weitere Male angefragt, und zwar zu Themen, zu denen ich wirklich kompetent gewesen wäre. Da ich aber nicht gerade innerhalb einer halben Stunde für ein Interview verfügbar war, hat man dann halt jemanden genommen, der vermutlich etwa so kompetent war wie ich damals zu Viren…
Diese Methode der Expertenwahl funktioniert sogar oft recht gut. Nur dann, wenn wie in dem DRS3-Beitrag über Blogging wirklich eine fundierte Einschätzung gefragt ist, wird’s natürlich mit dieser Methode gefährlich. Ein wirklich seriös recherchierter Beitrag hätte darum sicher zwei bis drei Experten befragt und deren Aussagen gegenübergestellt. Aber das war bei DRS 3 wohl nicht das Ziel.
» Nächster Artikel: Der Origami-Hype: Microsoft schneidet sich eine Scheibe Apple ab
» Älterer Artikel: Der grosse Graben: Telekommunikation in Indien
» Drucken
» Merken/E-Mail

neuerdings.com
medienlese.com
imgriff.com
fokussiert.com
netzwertig.com


Beiträge per RSS
blogwerk.com
Einen Kommentar schreiben