Der grosse Graben:
Telekommunikation in Indien
Noch bis Ende der Woche bin ich in Indien unterwegs. Neben vielen anderen Eindrücken erhielt ich auch einen Einblick in der Stand der Dinge hinsichtlich Telekommunikation und Internet in diesem faszinierenden Land.
Die wichtigsten Wachstumsbranchen für Indien sind natürlich IT und BPO (Business Process Outsourcing), also das Erbringen diverser Dienstleistungen für ausländische Firmen wie z.B. Softwareherstellung, Call-Center-Betrieb, Abwickeln von Administrationsprozessen usw. Ganz offensichtlich braucht man hierfür modernste Telecom-Infrastruktur, und die ist in Indien zumindest für grössere Firmen natürlich auch problemlos erhältlich.
flickr.com/40/102130851_9de89a9505_m.jpg” border=”0″ />
Perfektes Call-Center-Englisch in nur einem Monat!
Von diesen Entwicklungen profitiert auch die städtische Bevölkerung. In den sechs Jahren seit der Liberalisierung der Telecom-Märkte hat sich in die Städten die Telefondichte von 6 auf 36 Anschlüsse pro 100 Einwohner vervielfacht (zum Vergleich: in europäischen Ländern beträgt diese Quote — mit Mobiltelefonen gerechnet — meistens deutlich über 140 Anschlüsse auf 100 Einwohner).
Dramatisch ist aber der Unterschied zu den ländlichen Gebieten: In der Provinz kommen nicht einmal 2 Telefonanschlüsse auf 100 Menschen. Zwar sind privat betrieben Telefonzellen in jedem Dorf vorhanden, aber von einem eigenen Telefonanschluss können indische Bauern meist nur träumen. Die Qualität des ländlichen Telefonsystems ist ebenfalls sehr mässig. Mir gelang es kein einziges Mal, über eine Provinztelefonzentrale eine brauchbare Modemverbindung herzustellen, von Breitband-Internet ganz zu schweigen.
Eine grosse Erfolgsstory ist die Mobiltelefonie. Da der Ausbau des Mobilfunknetztes gegenüber drahtgebundener Telefonie nur etwa einen Fünftel kostet, explodiert das mobile Telefonieren geradezu. Die Preise sind auch sehr vernünftig: Eine typische Monatsgrundrate beträgt 150 Rupien (=2.7 EUR), und ein nationaler Anruf kostet gerade mal ca. 1.5 Rupien pro Minute (=0.03 EUR). Bezüglich Mobile Marketing dürfte Indien sogar weiter sein als die meisten europäischen Ländern: In sehr vielen Werbespots werden SMS-Nummern für sofortige Informationsbestellung eingeblendet, und die Breite der mobilen Informationsdienste ist ebenfalls beeindruckend.
Sehr unübersichtlich ist aber die Vielfalt der Netzanbieter und der Roamingabkommen. In Indien gibt es Dutzende von Mobile Operators, die alle eine unterschiedliche Leistungspalette anbieten und mit anderen Operators Roaming-Abkommen haben — oder auch nicht. Auf dem Land draussen ist irgendeine Form von Abdeckung zwar meistens vorhanden, oft genug aber nicht vom richtigen Operator, so dass Reisen mit dem Mobiltelefon wirklich zum Glücksspiel wird.
Hier gibt es prima Internet mit garantiertem High-Spead
Weiter zurück liegt Indien hingegen bei den Internet-Anschlüssen im privaten Bereich. 50 Mio. Internet-User auf 1.1 Mia. Einwohner sind noch eine eher bescheidene Durchdringung. Das ist auch nicht erstaunlich, wenn man die Preise sieht: Eine “Breitband”-Leitung mit sagenhaften 64 kbit/s per Kabelmodem kostet beispielsweise 1100 Rupien (=20 EUR) im Monat — viel Geld in einem Land, in dem man mit einem Monatslohn von 300-400 EUR schon zur gehobenen Mittelklasse zählt und in dem die meisten Menschen eher unter 250 EUR pro Monat verdienen. Auch für einen einfachen PC müssen die meisten Leute schon deutlich mehr als zwei Monatslöhne investieren. Internet-Zugang zu Hause bleibt also für viele vorerst ein unerschwinglicher Luxus.
Man behilft sich daher mit den zahlreich vorhandenen Internet-Cafés. Dort kriegt man für ein paar Rupien pro Stunde passablen Netzzugang. Kein Wunder, dass in Indien webbasierte e-Mail weitaus dominiert, denn die Leute haben schlichtweg keinen eigenen PC, auf dem sie ihre Daten ablegen könnten. So wird dann oft der Hotmail- oder Yahoo-Account zum universellen Datenspeicher.
Gewöhnungsbedürftig ist auch die indische Spezialität der mehrmals täglich stattfindenden “Power Cuts”, das sind mehr oder minder planmässige mehrstündige Stromunterbrechungen. Ein obligatorisches Zubehörteil für jeden indischen PC ist darum eine unterbrechungsfreie Stromversorgung, und zumindest Hotels und Geschäftshäuser haben fast immer auch einen eigenen Diesel-Generator, um diese Unterbrüche zu überbrücken.
Das indische Stromnetz, Alptraum jedes Elektroingenieurs…
Den vieldiskutierten “Digital Divide” zwischen armen und reichen Ländern bekommt man also in Indien auf engstem Raum vor Augen geführt. Während die Telecom-Infrastruktur in den Städten sich rasant entwickelt und zumindest bezüglich Mobiltelefonie nicht mehr weit von westlichen Standards entfernt ist, herrschen auf dem Land wirklich elende Drittwelt-Verhältnisse. Dieser grosse Unterschied dürfte nicht zuletzt auch mit dafür verantwortlich sein, dass sich in Indien die Einkommensschere zwischen Stadt- und Landbevölkerung weiter öffnet. Die ländlichen Gegenden haben ohne bessere Infrastruktur keine Chance, am indischen Wirtschaftsboom teilzuhaben. Immerhin wird das Problem politisch bereits fleissig diskutiert, und es wird auch erwogen, die Telecomfirmen regulatorisch stärker dazu zu zwingen, auch ländliche Gebiete zu erschliessen.
» Nächster Artikel: Der DRS3-Bericht und das Expertentum in den Medien
» Älterer Artikel: Kleine Blog-Pause
» Drucken
» Merken/E-Mail

neuerdings.com
medienlese.com
imgriff.com
fokussiert.com
netzwertig.com





Beiträge per RSS
blogwerk.com
Einen Kommentar schreiben