Wie sehen die tragbaren Computer der nächsten Generation aus?

Andreas Göldi, 31. Januar 2006 12:48 Uhr, 0 Kommentare Kommentare

Seit bald 20 Jahren, ungefähr seit dem Auftauchen des IBM PC Convertible nämlich, sehen tragbare Computer so aus wie heute jeder Standard-Laptop: Ein aufklappbares Gerät mit flachem LCD-Screen. Wesentliche Innovationen im Formfaktor tragbarer PCs gab es seither kaum mehr, von einigen mehr oder minder dramatisch gescheiterten Versuchen abgesehen.

Wer bezweifelt, dass der Laptop unser Leben und Arbeiten verändert hat, braucht sich nur einmal im Zug, Flughafen oder im nächsten Starbucks umzusehen: Mobiles Computing ist heute selbstverständlich und allgegenwärtig. Aber die Mobilität hat Grenzen, denn einen typischen 3-kg-Laptop nimmt man noch längst nicht überall hin mit. Und auch bei Sitzungen und Vorträgen gilt es immer noch als recht unhöflich, einen aufgeklappten Laptop zu benutzen — von gewissen

flickr.com/photos/undersound/71450214/”>speziellen Fachkreisen abgesehen natürlich.

Für einen echten weiteren Fortschritt ist also ein neuer Formfaktor gefragt. Ideal wäre es natürlich, wenn man seinen PC praktisch immer dabei haben könnte, ohne eine Laptop-Tasche mittragen zu müssen. Anders gesagt: Der PC der nächsten Generation sollte in die Jackentasche passen.

In den letzten Monaten sind einige wirklich innovative Konzepte auf den Markt gekommen, die vielleicht wegweisend sein könnten für die nächste Generation der PCs. Zeit für einen kleinen Überblick:

Schon beinahe konventionell muten Subnotebooks an, die mit zusätzlichen Tablet-Funktionalitäten ausgestattet wurden. In diesem Segment bietet derzeit Fujitsu-Siemens den P1510 an, und beliebt in der Gadget-Szene ist auch das Flybook von Dialogue.

Diese Geräte sind um einiges kleiner als klassische Laptops. Die Grösse der Tastatur erlaubt gerade noch ganz knapp das Tippen im Zehnfingersystem, vorausgesetzt, man hat keine zu dicken Finger.

Vielseitig einsetzbar sind diese Geräte dank ihrer Umwandelbarkeit zum Tablet-PC. Wie bei grösseren Tablet-Convertibles lässt sich der Bildschirm drehen und zur handschriftlichen Benutzung umkonfigurieren. Anders als “richtige” Tablet-PCs haben diese kleinen Geräte aber einen sogenannten “passiven Digitizer”, also einen Touchscreen, der sich auch mit dem Finger bedienen lässt. Das ist manchmal praktisch, kann aber beim Schreiben unter Umständen stören.

Als Reise-PC sind solche Mini-Convertibles sicher praktisch. Sie erfüllen aber nicht das Kriterium, in jede Jackentasche zu passen.

Einen Schritt weiter gehen Mini-Slates, also kleine Tablet-PCs, die auf eine Tastatur verzichten. Typische Vertreter sind etwa der LS800 von Motion Computing oder die U-Serie von Sony (die in Europa aber bisher nicht erhältlich ist).

Diese etwa noch ein Kilogramm schweren Geräte sind sehr gut zu transportieren — solange man das Zubehör zu Hause lässt. Wer Netzteil, externe Tastatur und Dockingstation einpackt, kommt schnell mal auf eine Materialsammlung, die auch nicht wesentlich leichter und kompakter ist als ein klassisches Subnotebook.

Geeignet sind diese Mini-Tablets vor allem als Notizblock und Datenabrufstation. Kein Wunder, dass solche Geräte vor allem in “vertikalen Märkten” eingesetzt werden, also zum Beispiel von medizinischem Personal, Versicherungsvertretern oder Servicetechnikern. Für solche Spezialanwendungen ist etwas mehr Tragbarkeit ein grosser Vorteil, und die Abwesenheit einer Tastatur schmerzt nicht gross.

Eine konsequente Steigerung dieses Konzepts ist der OQO (nicht zu verwechseln mit dem Ogo), der gerade in einer neuen Version mit Windows XP Tablet Edition erschienen ist. An der CES in Las Vegas hatte ich Gelegenheit, mir das Gerät mal anzuschauen, und war wirklich überrascht von der Kompaktheit, die man auf Fotos nicht erahnt. Die Grundfläche des Geräts entspricht etwa einer 1/4 A4-Seite, d.h. der OQO ist fast so klein wie ein gängiger PDA, aber bietet eben die Leistung eines vollwertigen PCs.

Ein bemerkenswertes Feature ist die aufschiebbare Mini-Tastatur, die für mobilen Betrieb sehr hilfreich ist. Lange Texte wird man damit nicht verfassen, aber nur schon Websurfen geht damit einfacher als mit der reinen Stifteingabe eines Slate-Tablets.

Der OQO ist ein faszinierendes Gerät, leidet aber noch an einigen Kinderkrankheiten. Das Display könnte besser sein, und auch Batterielebensdauer und Hitzeentwicklung sind verbesserungsbedürftig. Von allen bisher ausprobierten Mini-PCs hat mich aber dieser Formfaktor bisher am meisten überzeugt.

Einen wirklich exotischen Ansatz wählt die Firma Dualcor, die ihr erstes Produkt demnächst auf den Markt bringen will. Der CPC vereinigt gleich zwei Geräte in einem: Einen Tablet-PC und einen Windows-Mobile-PDA. Das klingt zunächst absurd, ist aber nicht so dumm: Unterwegs reicht meistens die (batterieschonende) Leistung eines PDAs für einen schnellen E-Mail-Check oder etwas Terminverwaltung. Wenn man dann im Büro, Zug oder sonstwo stationär arbeiten will, kann man auf den vollausgebauten PC umschalten. Natürlich hilft es dann, eine externe Tastatur dabeizuhaben, denn ein eingebautes Keyboard bietet der CPC nicht.

Erstaunlich sind die Leistungsdaten: Mit 40GB Harddisk, 1 GB RAM und 1GB Flash-Memory sollte man unterwegs keine Ressourcenknappheit leiden müssen. Ob man allerdings auf dem winzigen 5-Zoll-Screen sinnvoll mit Excel oder PowerPoint arbeiten kann, ist natürlich eine andere Frage.

Kommen wir noch zur Abteilung “Vaporware”, den ewig angekündigten, aber bisher nicht im realen Leben gesichteten Produkten: Beliebtestes Spottobjekt der Gadget-Szene ist der Flipstart PC von Vulcan, dessen Entwicklung von Microsoft-Mitgründer Paul Allen finanziert wird. Der Flipstart folgt einem relativ klassischen Laptop-Formfaktor ohne Tablet-Schnickschnack, ist aber halt sehr, sehr viel kleiner. Das Gerät wurde schon vor Jahren angekündigt, ist aber noch immer nicht auf den Markt gekommen. Und angesichts der innovativeren Konzepte der Konkurrenz kann man sich fragen, ob das nicht vielleicht so bleiben sollte.

Viel radikaler ist da der Modular PC von MCC Computer Company. Dieses Gerät packt einfach nur die Grundelektronik eines PCs in ein display- und tastaturloses Gehäuse. Dieser PC-Kern kann dann in verschiedenartige Front-End-Geräte eingesetzt werden: Vom Desktop über das Laptop-Gehäuse bis hin zum Tragegurt für Wearable-Computing-Anwendungen.

Diese Geräte, ursprünglich von IBM entworfen, wurden von der Firma Antelope Technologies entwickelt und hätten sogar in der Schweiz hergestellt werden sollen. Dazu kam es aber nicht, und auch das Nachfolgeunternehmen scheint bisher kein marktfähiges Produkt hingekriegt zu haben. Der “Store”-Link auf der Homepage fördert nur einen 404-Error zutage.

Offensichtlich wird in der PC-Branche also gerade heftig experimentiert. Es ist dabei wenig erstaunlich, dass kleine, unabhängige Firmen mit innovativen Konzepten vorausgehen. Auch der Palm Pilot wurde von einer Startup-Firma entwickelt, der es erstmals gelang, die magische Formel für einen wirklich brauchbaren PDA zu knacken. Das wird bei den ultraportablen PCs wohl kaum anders sein.

Natürlich stellen sich viele Fragen: Ist Windows mit seinem ganzen Overhead das richtige Betriebssystem für solche Kleinstgeräte, oder sollte man nicht lieber daran arbeiten, die verfügbaren PDA-Systeme weiterzuentwickeln? Reicht die zwangsläufig begrenzte Leistung dieser Ultraportables aus oder will man auf Reisen nicht lieber etwas mehr Power dabei haben?

Und vor allem: Macht es im kommenden Zeitalter der umfassenden mobilen Vernetzung überhaupt Sinn, einen kompletten PC mit sich herumzuschleppen? Selbst Bill Gates hat schon als Vision formuliert, dass man dereinst nur noch minimale Hardware (z.B. das Mobiltelefon) mit sich trägt und den Rest der Funktionalität per Netz bezieht. Ähnliche Meinungen gibt es bei Sun und anderen. Mag sein, dass es in einigen Jahren möglich ist, auf das physische Herumtragen von Daten und PC-Funktionalität zu verzichten. Wer aber nur schon mal in einem fahrenden Zug versucht hat, eine vernünftige Datenverbindung zu kriegen, wird für die nächsten Jahre kaum auf diese Idee setzen.

Unsere Gesellschaft wird immer mobiler, und unsere Medien und Kommunikationsmittel werden immer digitaler (und gleichzeitig leistungshungriger). Im Schnittpunkt dieser beiden Trends wird es für ultraportable Computer meiner Meinung nach eine sehr grosse Marktchance geben. Ich persönlich glaube, dass diese nächste Generation der mobilen PCs etwa so ähnlich wie der OQO aussehen werden. Aber bis diese Geräte wirklich massentauglich sind, dauert es wohl noch ein bisschen.

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