Was Telefonzellen mit Network Computing zu tun haben

Andreas Göldi, 31. Januar 2006 15:47 Uhr, 0 Kommentare Kommentare

Gross in Mode im IT-Business ist derzeit wieder mal das Network Computing. Fast alle Prognostiker behaupten, dass sich das Zeitalter des Personal Computers mit seiner lokalen Datenhaltung dem Ende zuneigt und wir bald schon alle Daten und Anwendungen aus dem Netzwerk beziehen werden. Erst recht wird es bald als absurd angesehen werden, meint sogar Bill Gates, einen mobilen PC mit sich herumzutragen — wo doch schon bald überall universelle Datentankstellen in der Form öffentlicher Terminals zur Verfügung stehen werden. Netzwerkorientierte Firmen wie Sun vertreten diese Meinung mit fast schon fundamentalistischem Eifer.

Wird der PC also bald überflüssig? Ich bin nicht dieser Meinung, und zwar aufgrund eines Analogieschlusses aus einer Entwicklung, die sich vor unser aller Augen in den letzten Jahren abgespielt hat.

Erinnern wir uns zurück an den Anfang der neunziger Jahre: Ein fast perfektes Netzwerk überzog die westlichen Industrienationen: Das analoge, drahtgebundene Telefonnetz.

Praktisch jeder Haushalt hatte einen Anschluss und ein “Terminal” (=Telefon). Öffentliche Telefone standen in jedem Restaurant, an jeder Raststätte, am Bahnhof oder im Zug zur Verfügung. An vielen Strassenecken waren Telefonzellen zu finden. Und dieses Netz war nicht nur omnipräsent, sondern auch noch standardisiert, sehr einfach zu bedienen und für relativ vernünftige Preise zu benutzen. Die Geräte musste man damals nicht teuer kaufen, sondern konnte sie mieten. Mit anderen Worten: Das gute alte Telefonnetz hatte fast alle Eigenschaften, von denen die Promotoren von Network Computing in ihren Visionen träumen.

Und dann passierte etwas Unerwartetes: Ab Mitte der neunziger Jahre begannen viele Leute, sich neuartige Geräte zu kaufen, mit denen man ebenfalls telefonieren konnte. Diese Geräte waren aber sehr teuer, boten schlechte Sprachqualität und hatten kurzlebige Batterien, die immer im dümmsten Moment leer waren. Dazu war dieses System recht kompliziert zu bedienen und überdies erheblich teurer zu benutzen als das alte Telefonnetz. Trotz all dieser Nachteile setze sich die neue Infrastruktur durch und ist heute auf dem besten Weg, das eigentlich doch so effiziente Analognetz abzulösen. Die Rede ist natürlich vom Mobiltelefonnetz und vom Handy.

Heute gibt der durchschnittliche Schweizer Handy-Kunde fast 1000 Fr. pro Jahr für mobiles Telefonieren aus. Das ist etwa dreieinhalbmal so viel wie für Presse-Produkte und mehr als das Doppelte der durchschnittlichen Investionen in elektronische Hardware aller Art (inkl. PCs).

Natürlich ist die ständige Verfügbarkeit des Mobiltelefons jederzeit und überall praktisch. Selbstverständlich ist die ständige Erreichbarkeit (meistens) nützlich. Aber rechtfertigt das, vor allem für Privatnutzer, diesen massiven finanziellen Aufwand? Wohl kaum.

Es sind wohl noch andere, eher irrationale Kräfte am Werk: Mein Handy ist MEIN Handy, das persönlichste Stück Hardware, das ich habe. Es ist nicht nur ein nützliches Gerät, sondern auch ein Fashion-Statement, ein Adressbuch, Networking-Tool und Unterhaltungsgerät. Und all das rechtfertigt, dass ich dieses Elektronikteil immer dabeihabe und viel Geld dafür ausgebe.

Genauso, behaupte ich, ist es mit dem PC: Das ist keine einfach austauschbare, anonyme Datenverarbeitungseinrichtung. Die meisten Leute haben sehr persönliche Daten auf ihrem PC gespeichert, und sie haben sich das System so eingerichtet, bis hin zum Hintergrundbild und den Sounds, wie das für sie persönlich am besten ist. Ein PC ist ein Arbeitsgerät, eine Kommunikationsvorrichtung, ein Kreativ-Apparat, ein Erinnerungsspeicher. All das soll man einem anonymen, nicht greifbaren Netzwerk anvertrauen? Das wäre vielleicht rational, aber ganz einfach gegen die menschliche Natur. Und das alles noch ganz abgesehen von praktischen Überlegungen, wie zum Beispiel der PC-Nutzung unterwegs, wenn man die Datenkonnektivität nicht so gut ist.

Ich glaube, dass etwas anderes passieren wird: PCs werden differenzierter und individueller, die Breite der verfügbaren Formfaktoren wird stark zunehmen. Natürlich werden alle diese Geräte vernetzt sein und auch einen Grossteil ihres Nutzens aus den Funktionalitäten des Netzwerks generieren. Aber das persönliche Gerät mit seiner lokalen Datenspeicherung wird bleiben.

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