Sollten Journalisten bloggen?

Andreas Göldi, 30. Januar 2006 16:49 Uhr, 1 Kommentar Kommentare

In den deutschsprachigen Medien ist die Blog-Manie ausgebrochen: Immer mehr Zeitungen und elektronische Medien publizieren in ihren Online-Ausgaben themenspezifische Blogs ihrer Redakteure. Gelegentlich ist auch mal ein bloggender Chefredakteur dabei.

Man wird den Eindruck nicht so ganz los, dass diese Blogs vor allem aus einem Grund existieren: Seit Monaten wird in der Medienbranche (zuweilen heftig bis etwas hysterisch) diskutiert, dass klassische Medien durch Blogging unter Druck geraten. Plötzlich kann jeder Amateur weltweit publizieren, und das kanalisiert fast zwangsläufig Leser-Aufmerksamkeit (und damit u.

a. auch Werbegelder) weg von den klassischen Medien. Und darum schlagen die professionellen Medienschaffenden bloggend zurück.

Nur frage ich mich ehrlich gesagt, ob sie das wirklich tun sollten.

Um eins klar festzuhalten: Natürlich dürfen Journalistinnen und Journalisten von mir aus gerne bloggen. Im Gegensatz zu manchen Personen aus dem Medien-Establishment finde ich freie Meinungsäusserung wichtig und richtig.

Die Frage ist eine andere: Sind bloggende Journalisten eine Bereicherung für ihre jeweilige Publikation? Oder wären nicht vielleicht andere Methoden besser geeignet, um der “Blog-Gefahr” gegenüberzutreten?

Was ist eigentlich das wirklich Interessante an Blogs? Meines Erachtens ist das vor allem die Abwesenheit von Filtern: nichtprofessionelle Autoren (also Nicht-Journalisten) können ihre Meinung an den klassischen Medien vorbei ungehindert publizieren. Und ich als Blog-Konsument kann mir völlig frei von irgendwelcher Filterung aussuchen, welche Stimmen ich hören will und welche nicht.

Das Spannende daran ist, dass ich beispielsweise die Meinung eines Nobelpreisträgers zu aktuellen politischen Themen, Gedanken eines Management-Gurus, die Überlegungen des CTOs eines grossen Technologiekonzerns oder auch nur Äusserungen ganz normaler Leute ohne redaktionelle Vorauswahl, ohne Kürzungen und ohne Zeitverzug lesen kann.

Diese Blog-Autoren sind meistens Experten für irgendetwas, aber nicht fürs Schreiben. Ihre Beiträge genügen häufig den Anforderungen an journalistische Arbeit in keiner Hinsicht: Blog-Posts sind oft schnell und eher schludrig geschrieben, selten gründlich recherchiert und praktisch immer äussert unausgewogen. Und gerade das macht sie so erfrischend — unter der Voraussetzung allerdings, dass sich der lockere Stil mit Sachkompetenz (oder zumindesten einer interessanten Meinung) paart.

Von professionellen Medienschaffenden und einem professionellen Medienprodukt erwarte ich etwas anderes: Gut geschriebene, sorgfältig recherchierte Berichterstattung nämlich. Es darf auch gern mal eine unausgewogene Meinung dabei sein. Das Gefäss dafür heisst Kommentar, Leitartikel oder Kolumne und folgt gewissen wohlausgedachten Regeln. Blogs in einem klassischen (Online-)Medienprodukt sind hingegen meistens leider nur eine Anbiederung an einen aktuellen Trend — das mutet ein bisschen an, als ob der bunte Abend des Turnvereins Schwamendingen im Schauspielhaus aufgeführt würde, weil das Schauspielhaus gerne populärer sein will.

Mit anderen Worten: Wenn sich professionelle Medienschaffende in ihren normalen Publikationen an den Blogging-Stil anpassen, geben sie damit ein wesentliches Qualitätsmerkmal auf, das ihr Produkt eben gerade zum geldwerten Medienerzeugnis macht. Es wäre vermutlich wertvoller, ein hochwertiges journalistisches Produkt zu machen, das die journalistisch sinnvollen Möglichkeiten des Online-Mediums auch tatsächlich nutzt.

Oder noch etwas zugespitzter formuliert: Journalisten sollten selbstverständlich unbedingt bloggen, und zwar zum Thema Journalismus und unter eigenem Namen, nicht unter dem Label ihres Arbeitgebers. Genau dann, wenn persönliche Sachkompetenz sich mit freier, eigener Meinungsäusserung paart, entstehen nämlich die wirklich interessanten Blogs, wie man an einigen real existierenden Beispielen sehen kann.

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