Moderner Journalismus für Fortgeschrittene:
Wie zitiert man eigentlich Blogger richtig?
Kürzlich habe ich mich anhand des aktuellen Blog-Skandälchens rund um Werber Jean-Remy von Matt hier etwas über die gemischen Gefühle ausgelassen, die Journalisten und Werber offenbar immer noch den neuen Medien und ihrer unbegrenzten Publikationsfreiheit gegenüber empfinden.
Ironie des Schicksals, dass man anhand dieses Falls gleich noch eine weitere Nuance dieses schwierigen Verhältnisses illustrieren kann: Journalisten tun sich schrecklich schwer damit, Meinungen aus der Blogosphere vernünftig zu zitieren.
Mein absoluter Lieblings-Newsdienst persoenlich.com hat die Von-Matt-Story aufgegriffen und
persoenlich.com/news/show_news.cfm?newsid=57490″>schreibt unter anderem dazu
Die Bloggergemeinde [...] betrachtete von Matt als eine “beleidigte Werberdiva”, die “dem Fussvolk” sein Grundrecht auf freie Meinungsäusserung absprechen wolle. Für viele Blogger steht von Matts Schreiben geradezu prototypisch für die Haltung vieler Journalisten und Werber, die Ihre Stellung und ihren Zugang zu den Medien bedroht sehen.
Ich hatte letzen Samstag in diesem Blog geschrieben:
Nun könnte man diese Verbalattacke als emotionsgetriebenen Ausrutscher einer beleidigten Werbediva abtun [...]
Warum diese Reaktion? Nun, Journalisten und Werber fühlen sich ganz einfach bedroht. [...]
Eliten definieren sich unter anderem dadurch, dass sie Zugang zu gewissen Ressourcen haben, die dem Normalbürger nicht zur Verfügung stehen. Und bei Journalisten und Werbern war das der Zugang zu Medien, zu Mechanismen also für die breite Publikation von Meinungen und Botschaften [...]
Hmm. Erkennen wir da eine entfernte Ähnlichkeit? Ich habe die laufenden (Blog-)Diskussionen rund um den Vorfall etwas mitverfolgt, und es würde mich eher wundern, wenn jemand anders die gleichen Aussagen mit der fast identischen Wortwahl gemacht hätte. Bei Technorati gab es jedenfalls keine Treffer dazu. Ob persoenlich.com nun mich oder jemand anderen zitiert hat, ist eigentlich egal. Die Quellenangabe fehlt definitiv.
Aber das passiert nicht nur persoenlich.com. Man liest leider immer wieder Artikel in den “klassischen” Medien, in denen Meinungen von Bloggern kurzerhand referenziert werden mit “Blogger schreiben” oder “die Bloggergemeinde meint dazu”. Ich habe zwar nicht Journalismus studiert, aber ich bin ziemlich sicher, dass man das nach Lehrbuch eigentlich nicht so machen sollte.
Man stelle sich vor, Journalisten würden bei anderen Quellen schreiben: “Die Leute sagen…”; “Politiker meinen…”; “Die Zeitungsgemeinde berichtet…”. Jedem Volontär würde man so einen Artikel um den Kopf hauen und ihn zur Strafe zu sechs Monaten Sonntagsdienst abkommandieren. Nur wenn Blogger zitiert werden, scheint das auch bei den prestigeträchtigsten Titeln immer noch akzeptiert zu werden (Beispiel 1, Beispiel 2, Beispiel 3).
Liebe Journalistinnen und Journalisten: Blogger sind weder eine homogene Gruppe noch eine “Gemeinde”. Es sind Individuen, die ihre höchstpersönliche Meinung über ein neuartiges Medium kommunizieren. Das kann, soll und muss man genau gleich mit einer Quellenangabe versehen wie irgendein persönlich eingeholtes Statement. Es würde sogar zum guten Ton gehören, vor dem Zitieren zu fragen. Blogger haben oft eine e-Mail-Adresse, und die meisten antworten annährend sofort. Der Redaktionsschluss ist also meistens nicht in Gefahr.
Danke für die Aufmerksamkeit.
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