Werber, Journalisten und die freie Meinungsäusserung

Andreas Göldi, 21. Januar 2006 16:33 Uhr, 0 Kommentare Kommentare

Aufregung in der deutschen Bloggerszene: Starwerber Jean-Remy von Matt hat Blogs in einer internen e-Mail als “Klowände des Internets” bezeichnet. Warum? Nun, einige Blogger hatten die Kampagne “Du bist Deutschland” kritisiert, die von Matts Agentur Jung/von Matt massgeblich mitgestaltet hat. (via Gian-Franco Salvato)

Um eins vorauszuschicken: Ich halte Jung/von Matt für eine der besten Werbeagenturen der Welt. Ich habe sogar das Buch, das von Matt zusammen mit seinem Kompagnon Holger Jung geschrieben hat, gekauft, gelesen und als inspirierend empfunden.

Aber diese eben zitierte Äusserung hat meinen bisher vorhanden Respekt für von Matt schon arg lädiert.

Nun könnte man diese Verbalattacke als emotionsgetriebenen Ausrutscher einer beleidigten Werbediva abtun, wenn da nicht folgende Stelle in von Matts Text wäre:

“Was berechtigt eigentlich jeden Computerbesitzer, ungefragt seine Meinung abzusondern? Und die meisten Blogger sondern einfach nur ab. Dieser neue Tiefststand der Meinungsbildung wird deutlich, wenn man unter www.technorati.com eingibt: Du bist Deutschland.”

Das erinnert mich frappierend an die arrogant-abschätzige Einstellung gegenüber der Blogosphere, die ich von Journalisten und Werbern leider immer wieder höre. Nachlesbar ist die typische Argumentation zum Beispiel im Tagi-Magazin-Artikel von Guido Mingels, der vor einigen Monaten für vergleichbaren Unmut in der Schweizer Blogger-Szene sorgte. Journalisten und Werber können gleichermassen schlecht mit dem Phänomen umgehen, dass in diesem neuen Medium jeder, ja tatsächlich jeder, einfach seine Meinung global publizieren kann und darf.

Warum diese Reaktion? Nun, Journalisten und Werber fühlen sich ganz einfach bedroht.

Im Prinzip sind diese beiden Berufsgruppen die Informationselite des ausgehenden Industriezeitalters gewesen. Eliten definieren sich unter anderem dadurch, dass sie Zugang zu gewissen Ressourcen haben, die dem Normalbürger nicht zur Verfügung stehen. Und bei Journalisten und Werbern war das der Zugang zu Medien, zu Mechanismen also für die breite Publikation von Meinungen und Botschaften — und damit für die Beinflussung von Menschen.

Ein Politiker beispielsweise, der seine Stimmbürger erreichen wollte, konnte das bisher faktisch nur mit Hilfe der Medien erreichen. Und dafür musste er sich mit den Journalisten gut stellen und/oder Werber dafür bezahlen, dass sie die Botschaft gegen Geld verbreiteten. Nicht umsonst werden die Medien als “vierte Macht im Staat” bezeichnet. Nur ist es leider die einzige Macht, die nicht demokratisch legitimiert ist.

Ein offenes Medium wie das Internet gefährdet die Stellung einer solchen Elite ganz grundsätzlich. Plötzlich wird der einst knappe Faktor der Distribution von Informationen viel besser zugänglich, und ein solcher Vorgang erschüttert die Stellung der davon betroffenen Elite.

Um einen historischen Vergleich zu wagen: Der kirchliche Klerus (ebenso wie der weltliche Adel) war alles andere als begeistert, als die Druckerpresse erfunden wurde und damit die Verbreitung von Information plötzlich um Grössenordnungen effizienter wurde. Nur allein schon die Verfügbarkeit der Bibel in hoher Auflage und in der Muttersprache des Volkes erodierte die Position des Klerus und des von ihm legitimierten Adels fundamental. Es folgten die Reformation, diverse Revolutionen, schliesslich die Einführung der Demokratie. Heute spielt der Adel keine Rolle mehr, und die Kirche hat auch schon bessere Zeiten gesehen. Und das alles (nicht nur, aber zu einem wesentlichen Teil), weil Information plötzlich für alle viel besser zugänglich wurde.

Das Internet stellt natürlich einen vergleichbaren Quantensprung dar. Und darum gefährdet es den “Klerus” der heutigen Zeit — Journalisten und Werber.

Interessant ist, dass Jean-Remy von Matt in seinem Text den Journalisten (die seine Kampagne ebenfalls arg zersaust haben) eine grössere Berechtigung zur Kritik zuschreibt, weil sie “eine nachweisbare Leserschaft haben”. Das ist der ganz typische Verteidigungsmechanismus: Diese Amateure aus der Blogosphere können ja eigentlich gar keine Leser haben. Aber weil man insgeheim weiss, dass sie eben doch ein inzwischen grosses und vor allem relevantes Publikum erreichen, kritisiert man die Blogs aufgrund ihres angeblich mangelnden Niveaus. Denn irgendwas muss man als Informationsprofi doch besser können als die Amateure!? Ein Kardinal des Reformationszeitalters empfand es vermutlich als genauso befremdlich, dass Laien plötzlich die Bibel lesen und mitdiskutieren konnten.

Für die bisherige Informationselite werden die nächsten Jahre sehr verwirrend und bedrohlich werden. Die bisherigen Verhaltensweisen und Erfolgsrezepte funktionieren nicht mehr; man muss sich mit den neuen Mechanismen auseinandersetzen, ob es einem gefällt oder nicht.

Nur ein Beispiel: Früher konnte man in seiner Firma ungehemmt über die bösen externen Kräfte herziehen. Heute muss man damit rechnen, dass eine unbedacht formulierte e-Mail ihren Weg ins Netz findet und plötzlich auf Google unter dem Suchbegriff “Jean-Remy von Matt” auf Platz 6 auftaucht. Und von dort wird sie auch nicht so schnell verschwinden. Schade ums Image.

UPDATE: 48 Stunden später drehen sich bereits 7 der ersten zehn Google-Treffer um die verhängnisvolle e-Mail. Wie unangenehm.

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