Apple:
Absturzgefährdet?

Andreas Göldi, 12. Januar 2006 08:38 Uhr, 0 Kommentare Kommentare

Die Freude in der Apple-Gemeinde ist gross: Viel früher als erwartet bringt Apple die neuen “MacBooks” auf Intel-Basis auf den Markt. Der iPod verkauft sich weiterhin sensationell. Alles prima also?

Nicht so schnell: Innovations-Guru Clayton Christensen, über dessen sehr relevantes Werk ich hier schon öfters geschrieben habe, hebt den Warnfinger.

Apple läuft Gefahr, bezüglich iTunes und iPod wieder den gleichen Fehler zu machen wie schon einmal in seiner Geschichte, so Christensen in der BusinessWeek. Schon einmal, in der Anfangszeit der PCs, hatte Apple eine starke Marktstellung, beharrte aber auf seiner proprietären Plattform und wurde darum rechts und links von der Konkurrenz überholt, die auf offene Standards setzte.

Jeder Markt, sagt Harvard-Professor Christensen, entwickelt sich früher oder später in Richtung offener Standards, und das wird auch bei den MP3-Playern und Musikdownloads zwangsläufig passieren.

Christensen geht sogar noch weiter: Steve Jobs ist als Apple-CEO deshalb so viel erfolgreicher als seine Vorgänger, behauptet er, weil er die Firma das machen lässt, was sie machen will: Coole Produkte mit proprietärer Technologie rauszubringen. Ob Apple auch einen massiven Shift hin zu offenen Standards überleben könnte, wäre unter dieser Betrachtung fraglich.

Nun muss man dazu zwei Dinge einwenden: Erstens hatte Apple, wie Nicholas Carr richtigerweise feststellt, niemals eine auch nur annährend vergleichbare Stellung im PC-Markt wie heute bei digitaler Musik. Es ist sehr viel schwerer, einen Marktführer mit 70% Marktanteil (und annähernd 100% “Mindshare”) anzugreifen als eine innovative Firma, die im PC-Markt nie über 15% Marktanteil hatte.

Zweitens: Apple scheint seine Lektion durchaus gelernt zu haben und hält sich zumindest Hintertüren für den Fall der Fälle offen. Eine PC-Plattform wie den Apple II oder den Mac zu öffnen, ist eine komplexe Angelegenheit. iTunes zu öffnen wäre hingegen ziemlich trivial, wie Apple mit Lizenzpartner Motorola bereits selbst demonstriert hat. Aber warum sollte Apple eine solche Öffnung vornehmen, solange man noch an den unbescheidenen iPod-Margen gut verdient?

Apple hat mit iTunes das immer noch mit weitem Abstand konsistenteste Angebot für Musik- und Video-Downloads. An der CES in Las Vegas wurden zwar Konkurrenzprodukte (z.B. von MTV und Microsoft) angekündigt, aber diese Gegner werden einen sehr grossen Rückstand aufholen müssen. Und die Geschwindigkeit dieser Aufholjagd ist bisher nicht beeindruckend.

Ich glaube auch, dass sich früher oder später offene Standards auch in der digitalen Musik durchsetzen werden und müssen. Wenn man sich aber allein das Wirrwarr an DRM-Standards anschaut, das derzeit die Szene noch beherrscht, kann man nur feststellen: so weit sind wir noch lange nicht. Im Moment steht der Musik-Interessent faktisch vor der Wahl, sich entweder für das proprietäre System von Apple oder das ebenso proprietäre System von Microsoft zu entscheiden. Und wir wissen alle, wer das bessere und coolere Angebot hat. Aber man kann Apple nur wünschen, diesmal etwas flexibler zu sein, wenn der Druck in Richtung Offenheit schlussendlich doch noch kommt.

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