CES:
Die wichtigsten Trends
Inzwischen bin ich dem Rummel von Las Vegas wieder entflohen und wohlbehalten in Europa zurück. Zeit, um die wichtigsten Trends der CES zusammenzufassen:
Trend 1: HDTV
Darüber habe ich hier schon genug geschrieben. Hochauflösendes Fernsehen hat sich in den USA klar durchgesetzt, und Europa wird folgen.
Trend 2: Explosion der Mobil-Gerätepalette
Die Zahl der erhältlichen mobilen Geräte explodiert förmlich. Alle denkbaren (und undenkbaren) Ausstattungsvarianten, Form Factors und Feature-Kombinationen sind erhältlich.
Eine gute Illustration ist die Produktpalette von Marktführer Nokia: Im Jahr 1996 stellte Nokia gerade mal 5 neue Modelle vor, darunter das legendäre “Matrix-Bananen-Handy” 8110 und die erste Communicator-Generation. 2001 waren es 14 neue Modelle. Und 2005? Satte 45 Modellneuheiten kamen aus Finnland (Quelle:
wikipedia.org/wiki/Nokia_7610″>Wikipedia
Da verliert man selbst als einigermassen sachverständige Person jede Hoffnung, noch den Überblick halten zu können. Wie soll es da erst dem Konsumenten gehen, der sich nur alle paar Jahre mal ein neues Handy zulegt?
Trend 3: Featuritis allerorten, eingängige Konzepte fehlen
Natürlich weiss die Branche, was Konsumenten wollen: Vernetzte, universelle, mobile, superleistungsfähige, extrem ausbaubare Multimedia-Gadget-Systemwelten mit DRM-Kopierschutz, VoIP und GPS gleich eingebaut.
Wirklich?
Man könnte meinen, dass die Hersteller in einem Wettbewerb darum stehen, wer die meisten Features in den kleinsten Form-Factor pressen kann. Daraus resultieren aber meistens unfertig anmutende Bastard-Devices, die alles ein bisschen können, aber nichts richtig gut. So etwas wie eine wiedererkennbare Gerätekategorie findet man an der CES fast nicht mehr.
Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Der iPod hat nicht deswegen 70% des MP3-Marktes gewonnen, weil er die meisten Features bietet, sondern weil er alle unwichtigen Features weglässt. Aber dieser Mut zu klaren Konzepten fehlt fast allen Herstellern, vermutlich zum eigenen Nachteil.
(Fussnote: Es gibt eine schöne Story darüber, dass Motorola das extrem erfolgreiche, superflache RAZR-Handy beinahe nicht auf den Markt gebracht hätte, weil der direkte Featurevergleich zur Konkurrenz so schlecht aussah. Die Konsumenten wollten aber ein flaches Handy, nicht eins, das alles kann. Und jetzt baut Motorola fast nur noch ganz, ganz flache Geräte.)
Trend 4: Content immer, jederzeit und überall
Das Mantra der CES (man konnte es schon nicht mehr hören…) war: Der Konsument will seine Medien zu dem Zeitpunkt, an dem Ort und in der Form konsumieren, die er will. Und das machen wir möglich.
Und darum wird fleissig alles vernetzt. Vor ein paar Jahren hätte man sich vielleicht noch darüber gewundert, dass Netzwerkhersteller wie Netgear, Linksys und D-Link sich einen so massiven Auftritt an einer Consumer-Electronics-Messe leisten. Jetzt ist Netzwerktechnologie aber etwa so selbstverständlich wie Strom. Und natürlich setzt sich die Vernetzung zu den mobilen Geräten hin fort.
Trend 5: Content-Verteilung per Internet
Die Ankündigungen der IT- und Internet-Giganten zeigten alle in eine klare Richtung: zukünftig werden Inhalte immer weniger auf runden Plastikstücken oder mit elektromagnetischen Wellen verteilt, sondern mehr und mehr per Internet. Und darum rüsten Google, Yahoo und Microsoft zusammen mit diversen Content-Partnern ihre dementsprechenden Angebote massiv auf.
Leider bleibt der legale Umgang mit heruntergeladenem Content kompliziert: Im Bereich der DRM-Systeme zeigte sich nicht einmal die Spur einer Standardisierungsbemühung ab. Dieses Chaos wird die Entwicklung wohl noch weiter bremsen und Marktführer wie Apple bevorteilen.
Trend 6: Krieg der DVD-Nachfolger
Eigentlich sollte wirklich jeder, der in der UE-Branche arbeitet, aus Erfahrung wissen, dass sich neue Technologiegenerationen vor allem dann gut durchsetzen, wenn sie standardisiert sind. Beste Beispiele sind die CD und die DVD. Trotzdem muten die Hersteller sich und den Konsumenten einen Format-Krieg für die nächste DVD-Generation zu: HD-DVD vs. Blu-ray Disc. Bisher sieht es nicht nach einer friedlichen Lösung aus.
Während ich vor der Messe noch dachte, dass Blu-ray praktisch schon gewonnen hat, bin ich jetzt nicht mehr so sicher. HD-DVD hat mit Microsoft und Intel zwei extrem starke Partner, die inzwischen wohl mehr Einfluss haben als die UE-Gerätehersteller. Und ausserdem wird HD-DVD früher und zu niedrigeren Preisen auf dem Markt sein, was einen entscheidenden Vorteil bedeuten könnte.
Trend 7: Das Phänomen Microsoft
So mancher mag Microsofts Versuch, in die Unterhaltungselektronik einzubrechen, immer noch belächeln. Klar, der Riese aus Redmond hat in diesem Bereich bis jetzt viel Geld verloren.
Aber wenn man Microsofts Präsenz nüchtern betrachtet, kann man eigentlich nur beeindruckt sein:
- Microsoft ist eine solide Nr.2 im Spielkonsolenmarkt und hat dank des frühen Erscheines der Xbox 360 (während man bei Sony immer noch Prototypen zeigt) immerhin eine gewisse Chance, Nr. 1 zu werden.
- Windows Media Center ist faktisch die wichtigste Plattform für Medienserver. 6.5 Mio Geräte wurden bisher verkauft (zum Vergleich: Konkurrent Tivo hat 4 Mio. Kunden). Von Hype um die Intel Viiv-PCs profitiert am Schluss vor allem der Hersteller des Betriebssystems, und das ist — Microsoft.
- Windows Mobile ist omnipräsent. Ausser Nokia und SonyEricsson haben alle relevanten Mobile-Hersteller Windows-Geräte im Angebot. Der neue windows-basierte Treo 700w von Palm ist ein weiterer wesentlicher Meilenstein.
- Auch bei Navigationssystemen und ähnlichen Geräten wird Windows als Plattform im Hintergrund immer wichtiger.
Eigentlich ist Microsoft im knallharten Wettbewerb der UE-Branche inzwischen die einzige Kraft neben Sony, die in mehreren Produktkategorien einen wirklich massgeblichen Einfluss ausübt.
Trend 8: Digitale Vernetzung schüttelt die Branche kräftig durcheinander
Im Jahr 2000 wurden in den USA 23 Mio. analoge Videorekorder (VHS etc.) verkauft. 2005 waren es gerade noch 1.4 Mio. Dafür wurden 2005 21 Mio. DVD-Player, 4.1 Mio Harddisk-Rekorder und etwa ähnlich viele DVD-Rekorder verkauft. Mit anderen Worten: Der Trend zur Digitalisierung läuft nicht erst an, er ist eigentlich schon abgeschlossen. Wir sind jetzt schon ein einer neuen Ära, derjenigen der Vernetzung.
Und das bleibt nicht ohne Folgen auf die Marktstrukturen: Einst mächtige UE-Riesen wie JVC, Sanyo oder Sharp spielen nur noch eine Nebenrolle, sozusagen als Peripheriehersteller für das vernetzte heimische Multimedia-System. Die wesentlichen Systemkomponenten werden zunehmend von Firmen aus der IT-Ecke kontrolliert. Und je stärker die Content-Verteilung ins Internet migriert, umso klarer setzt sich dieser Trend fort.
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