Eine Fernbedienung für alles? Oder:
Das Usability-Problem der Consumer-Electronics-Branche

Andreas Göldi, 21. Dezember 2005 11:21 Uhr, 1 Kommentar Kommentare

Neulich erhielt ich ein äusserst nützliches Geschenk (nochmals vielen Dank, liebes Publiconnect-Team!): Eine umfassend konfigurierbare Universalfernbedienung Harmony 525 von Logitech.

Das Problem, das dieses Gerät lösen soll, kennen wohl die meisten Anwender von Heimelektronik: Der Gerätepark im Wohnzimmer ist inzwischen so gross, dass sich die Fernbedienungen buchstäblich stapeln.

Fernseher, DVD-Player, Harddisk-Recorder, Satelliten-Receiver, CD-Player, Verstärker, Streaming-Box usw. kommen alle mit ihren eigenen Bediengeräten. Nur wer alles beim gleichen Hersteller kauft (und wer macht das schon?) hat gelegentlich noch ein paar Synergieeffekte. Noch schlimmer: Die Bedienung wird grauenhaft kompliziert. Um nur schon banal eine DVD abzuspielen, muss man nicht selten 3-4 Fernbedienungen betätigen — wenn man sie erst mal gefunden hat.

Klassische Universalfernbedienungen lassen sich zwar auch für die Steuerung mehrerer Geräte verwenden. Oft sind aber nur die elementarsten Grundfunktionen verwendbar, und das wilde Hin- und Herschalten zwischen den anzusteuernden Geräten ist eher noch zusätzlich verwirrend.

Logitech will uns nun mit einem anderen Ansatz das Leben einfacher machen: Ihre neusten Universalfernbedienungen können erstens wirklich alle Gerätefunktionen über konfigurierbare Menüs abbilden und verfügen zweitens über vorprogrammierte “Actitivies”, die auf einen Tastendruck gleich mehrere Aktionen ablaufen lassen. Beispiel “DVD abspielen”: Die Harmony-Fernbedienung schaltet automatisch alle nötigen Geräte ein, wählt die richtigen Kanäle und startet zum Schluss die DVD. Clever.

Natürlich muss man dazu aber erstmal die Fernbedienung für seinen Gerätepark konfigurieren. Das geht bei Logitech nicht über kryptische Menüs und abstruse Tastenkombinationen, sondern per PC. Die Harmony wird einfach über USB mit dem PC verbunden, und anschliessend kann man auf eine Internet-basierte Datenbank mit zehntausenden von Geräten zugreifen. In meinem Fall ging die Programmierung auch tatsächlich sehr fix. Fast alle Geräte waren schon in der Datenbank vorhanden, nur bei einem etwas exotischen Daewoo-Fernseher waren ein paar manuelle Schritte nötig. Die Harmony kann im Prinzip jede gängige Fernbedienung emulieren und lernt zur Not jeden Tastencode einzeln. Die gängigsten Tasten sind direkt auf dem Gerät vorhanden, und Spezialtasten sind über ein LCD-Menü abrufbar.

So weit, so gut, aber macht das nun die Bedienung des Elektronik-Zoos wirklich einfacher? Insgesamt: Ja. Die meisten üblichen Aktionen gehen so tatsächlich erheblich schneller von der Hand als mit einzelnen Fernbedienungen, Schwierig wird es nur bei den Sonderfunktionen, die man per Menü aufrufen muss. Das ist dann doch häufig prinzipbedingt etwas umständlich.

Denn wie es sich in der Unterhaltungselektronikbranche gehört, verfolgt jeder Hersteller eine komplett andere Bedienungsphilosophie. Das einzige, was heute standardisiert ist, sind die Tastensymbole für “Play”, “Stop” und “Pause”. Alle anderen Funktionen, selbst wenn sie eigentlich identisch sind, heissen bei Sony anders als bei JVC, und nochmals anders bei Panasonic, Daewoo und Sharp. Und dass das Layout der Fernbedienungen komplett unterschiedlich ist, versteht sich von selbst. Die Consumer-Electronics-Firmen haben die Usability wirklich nicht erfunden. Nur aufgrund dieses Problems sind überhaupt Produkte wie die Logitech Harmony nötig.

Fred Wilson lässt sich in seinem Blog über die seiner Meinung nach inexistente Kundenorientierung dieser Firmen aus. Da hat er sicher recht. Ich bin aber nicht so sicher, ob es wirklich die beste Idee wäre, wie Wilson vorschlägt, wenn Leute aus der IT- und Internet-Szene den Elektronikfritzen mal zeigen würden, was Kundenorientierung ist. Auf meinem Videorekorder musste ich wenigstens noch nie ein Servicepack installieren, und mein Fernseher hat auch niemals Bandbreitenprobleme.

Mit der fortschreitenden Konvergenz dieser genannten Bereiche stellt sich zunehmend die Frage, welche Philosophie sich im Wohnzimmer durchsetzen wird. Ist es der Offene-Plattform-mit-viel-Stückwerk-Ansatz der IT-Branche? Oder die Unflexibel-aber-zuverlässig-Methode der Unterhaltungselektronik? Bisher tun sich offensichtlich beide Seiten schwer damit, die Vorteile der jeweils anderen für sich zu adaptieren. Aber dass da noch manche Schlacht auszufechten sein wird, ist mehr als offensichtlich.

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1 Kommentar zu diesem Artikel

  1. Manu

    schrieb am 5. Juli 2008 um 00:38 Uhr (#)

    Gut erfasst!
    Mich würde wohl interessieren, welche manuellen Schritte bei dem Daewoo-Fernseher nötig waren ;)

    Gruß,
    Manu


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