Die Zukunft der Regionalzeitungen — eine amerikanische Perspektive

Andreas Göldi, 1. Dezember 2005 09:04 Uhr, 0 Kommentare Kommentare

Robin Miller hat einen interessanten Artikel über die Überleben der Zeitungen im Internet-Zeitalter geschrieben — und das ausgerechnet auf der Nerd-Community Slashdot. Er formuliert seine Ideen für den amerikanischen Markt, aber die meisten Aspekte sind 1:1 auf Europa übertragbar. Da der Text etwas lang ist, hier der Versuch eine Zusammenfassung:

  • Die Zeitungen müssen endlich anfangen, ihre Web-basierte Leserschaft als mindestens gleichwertig zu akzeptieren und gegenüber den Anzeigenkunden aktiv zu promoten. Online-Leser sind meistens jünger, gebildeter und einkommensstärker als die papierbasierten Informationskonsumenten — warum also behandeln die Zeitungen ihre Web-Leserzahlen so stiefmütterlich und reden kaum darüber? Man hört meistens nur von den rückläufigen Print-Auflagen, aber selten etwas von den (fast überall stark steigenden) Online-Leserzahlen.

  • Bürgerjournalismus und inhaltsbezogene Communities werden immer wichtiger, und das insbesondere im regionalen Bereich. Seltsamerweise sind aber nationale Titel (ganz zu schweigen von reinen Online-Publikationen) wesentlich kompetenter darin, ihre Leserschaft mit Blogs, Kommentarfunktionen, Foren usw. einzubeziehen. Regionalzeitungen scheinen hingegen immer noch an den guten alten Einbahnstrassen-Journalismus zu glauben.
  • Auch bei den Werbeformen ist mehr Kreativität gefragt. Sponsoring, Sonderaktionen und community-orientierte Rubrikenanzeigen funktionieren mit einem regionalen Fokus hervorragend. Warum sieht man in den Online-Präsenzen der Regionalzeitungen so wenig davon?
  • Nur ein echter regionaler Fokus erlaubt eine klare Differenzierung im Medienüberangebot. Die meisten regionalen Zeitungen scheinen immer noch zu glauben, dass sie für ihre Leser die primäre Informationsquelle sind. Das war vielleicht vor zwanzig Jahren so, aber inzwischen stellen sich die Konsumenten ihr Medienmenü längst aus globalen, nationalen und regionalen Angeboten selbst zusammen, und zwar über alle Kanäle (Zeitungen, TV, Internet, Mobile…) hinweg. Mit anderen Worten: Die Regionalzeitungen müssen sich von ihrer Quasi-Monopol-Mentalität verabschieden und eine klare Nischenstrategie fahren.
  • Die grossen Titel à la Wall Street Journal machen es vor: Die Print-Ausgabe wird immer mehr zum täglich erscheinenden “Papier-Snapshot” der Website. Auch im regionalen Bereich hat eine rund um die Uhr aktualisierte Website ihre Berechtigung. Heute sind die Zeitungswebsites aber noch viel zu oft lieblos zusammengenagelte Zweitverwertungskanäle für den (nach Internet-Verhältnissen) zum Erscheinungszeitpunkt eigentlich schon veralteten Zeitungsinhalt.

Alles sehr berechtigte Punkte. Man könnte den Zeitungsverlegern wirklich nur wünschen, die neuen Medien mit solchen Rezepten proaktiv zu nutzen, statt ständig zu jammern über die verdummende Jugend (liest keine Zeitungen mehr!), knausrige Internet-User (wollen nicht zahlen für unsere schöne, alle 24h erscheinende E-Paper-Ausgabe!) oder treulose Anzeigenkunden (machen immer mehr TV und keine schönen Panoramaanzeigen mehr!). Dass wir gerade eine massive Verschiebung in den Mediennutzungs-Gewohnheiten erleben, ist wohl mehr als offensichtlich. Sich dagegen zu wehren ist zwecklos, nur aktives Handeln sichert das Überleben.

(via AlwaysOn)

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