Aufmerksamkeit als handelbare Ware?

Andreas Göldi, 28. November 2005 10:35 Uhr, 0 Kommentare Kommentare

Wir leben in Zeiten der Informationsüberflutung und damit auch der immer knapper werdenden Aufmerksamkeit, soviel ist klar. Angesichts von hunderten von TV-Kanälen, tausenden von Print-Publikationen, Millionen von Blogs und Websites usw. müssen wir uns immer besser überlegen, mit welchen Medien wir unsere knappe Zeit (und damit Aufmerksamkeit) verbringen wollen.

Wenn ein Gut knapp ist, und handelt es sich dabei auch um ein abstraktes Gut wie Aufmerksamkeit, wird es ökonomisch interessant. Denn wirtschaftliche Gewinne lassen sich immer dort erzielen, wo knappe Güter möglichst optimal eingesetzt werden. Im Industriezeitalter war Kapital knapp, heute ist das schon deutlich weniger der Fall. Finanzkapital ist im Moment fast schon im Überfluss vorhanden, und Investoren tun sich immer schwerer, lohnende Investments zu finden (ein Artikel dazu im Wall Street Journal, kostenpflichtig).

Da also offensichtlich Aufmerksamkeit mehr und mehr zu einem ökonomisch relevanten Gut wird, stellt sich auch die Frage, ob man sie nicht gezielter managen sollte. Denn die Aufmerksamkeit von Konsumenten hat einen wirtschaftlichen Wert, und der lässt sich auch in Geld ausdrücken.

Ein Beispiel: Ich plane gerade eine Reise nach Indien. Für jegliche Ideen diesbezüglich bin ich derzeit sehr offen, das heisst, ich investiere gerne Aufmerksamkeit in Informationen über Reiseziele in Indien. Und aus diesem Aufmerksamkeitsstrom wird später ein Geldstrom werden, wenn ich mir dann auch wirklich meine Reise buche. Diese Tatsache hat für verschiedene Firmen (Reisebüros, Hotel, Airlines, …) einen definierten Wert. Denn wenn ich eine Reisewebsite besuche, werde ich mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit die ganze oder einen Teil meiner Reise dort buchen — vielleicht nicht beim ersten Besuch, aber möglicherweise später. Diese Wahrscheinlichkeit liegt bei mir, bezogen auf Indien-Reisen, gerade erheblich viel höher als beim Durchschnitt der Bevölkerung.

Klassische Medien können auf dieses Ungleichgewicht praktisch nicht reagieren, denn ein Plakat oder eine Zeitungsanzeige für Indien-Reisen kostet den Inserenten nicht mehr, nur weil ich (als kaufwillige Person) sie sehe. Werbepreise basierten bis heute auf ziemlich groben Annahmen über die Zusammensetzung des konsumierenden Publikums, aber das ist ein notorisch ungenauer Ansatz.

Google Adwords ist ein erster Schritt zur Verfeinerung: Wenn ich nach Indien-Reisen google, kriege ich ein gutes Dutzend bezahlte Werbeeinblendungen gezeigt, massgeschneidert zu meiner Anfrage. Das ist der wesentliche Grund für Googles wirtschaftlichen Erfolg: Google macht Aufmerksamkeit ein Stück weit sehr gezielt kaufbar. Aber die Erfassung meiner Aufmerksamkeit beschränkt sich auf aktive Suchabfragen, und das ist noch lange nicht repräsentativ für mein gesamthaftes Verhalten.

Ein paar visionäre Unternehmer wollen einen Schritt weiter gehen mit einer neuen Plattform namens Root Markets: Wenn Aufmerksamkeit zum ökonomischen Gut wird, warum sollte man sie nicht auch an Finanzmärkten handeln können wie, sagen wir mal, Rohöl oder Schweinebäuche? Ein Reiseveranstalter könnte sich auf so einem Markt beispielsweise Leads zu 100 an Indien-Reisen interessierten Kunden zu einem definierten Preis kaufen, ohne sich darum sorgen zu müssen, wie genau er an diese Leads kommt.

Und Medien- oder Internetfirmen können das Aufmerksamkeitsprofil ihrer Leser/User auf diese Weise handelbar machen, ohne mühsam Anzeigenkunden akquirieren zu müssen — das Einverständnis der Leser/User vorausgesetzt natürlich. Selbst für die Konsumenten wäre das durchaus nützlich, denn wenn ich definieren könnte, an welchen Dingen ich wirklich gerade interessiert bin, sinkt auch für mich die (Aufmerksamkeits-)Belastung durch nutzlose Werbung. Im Prinzip könnte ich meine Aufmerksamkeit für ein bestimmtes Thema sogar an den Meistbietenden verkaufen.

Das alles könnte man nun abtun als Utopie einiger Spinner, aber die Namen, die dahinterstecken, lassen aufhorchen: Initiant und CEO von Root Markets ist Seth Goldstein, einer der Pioniere des Internet-Marketings. Zusammengeschlossen hat er sich mit Lew Ranieri, einer Wall-Street-Legende. Ranieri gilt als Erfinder der “Securitization”, also der Umwandlung irgendwelcher Verpflichtungen (z.B. Hypotheken) in handelbare Wertschriften.

In einem ausführlichen Artikel beschreibt Goldstein, was er mit Root Markets erreichen will. Visionär, vielleicht utopisch, aber allemal sehr lesenswert.

Natürlich steckt dieses Konzept noch sehr in seinen Anfängen, und die zu überwindenden Hürden sind gewaltig. Aber der aussergewöhnliche Aufschwung, den die Internet-Werbung seit Erfindung der zielgenauen Adwords genommen hat, zeigt deutlich, dass hier wirtschaftliches Potential steckt. Und dass die Werbeindustrie in ihrer heutigen Form die eine oder andere Effizienzsteigerung vertragen könnte, wird wohl auch kaum jemand bestreiten.

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