“Notebook”:
Blog-artiger Informationsmüll jetzt auch gedruckt

Andreas Göldi, 9. November 2005 11:48 Uhr, 0 Kommentare Kommentare

Die meisten Schweizer jüngerer Generation dürften vermutlich mit dem Magazin “Kult” vertraut sein. Selbiges hat sich seit seinen bescheidenen Anfängen als Strassenmagazin mit ziemlich überschaubarem Niveau gemausert zu einer tatsächlich recht lesenswerten Lifestyle-Zeitschrift (mit literarischem Anspruch!). Eher ungewöhnlich ist das kommerzielle Konzept: Kult wird gratis in Clubs, Cafés, Boutiquen usw. verteilt und finanziert sich durch Werbung.

Verleger Rainer Kuhn wagt sich nun mit einem neuen Produkt auf den Markt, wiederum mit einem ziemlich originellen Konzept: “Notebook” bezeichnet sich als interaktives Print-Magazin. Auf der Website der Zeitschrift kann potentiell jeder einen Text bis zu 750 Zeichen erfassen und Fotos hochladen.

Diese kreativen Ergüsse der Leser werden dann in der nächsten Ausgabe des Magazins gedruckt. Oder auch nicht. Je nachdem, was die Redaktion davon hält.

Prima Sache eigentlich (für den Verleger): Content wird gratis durch Leute produziert, die ihre Texte mal gern gedruckt sehen wollen. Darum herum kann man wunderbar Werbung verkaufen, denn schliesslich ist alles so wahnsinnig szenig und die Zielgruppe so super werberelevant.

Aber auch klar, dass sich das Qualitätsniveau der Kürzest-Beiträge nicht gerade in unermessliche Höhen schwingt. Typische Textprobe:

WOCHENENDE!

Heute ist Freitag, der sogenannte schönste Tag im Leben eines Agglos. Aber eigentlich ist doch der Montag viel schöner. Da kann man sich länger aufs Wochenende freuen.

Aha.

Die meisten Beiträge in dem Magazin erinnern frappierend an diese unzähligen “Ich über mich”-Blogs, die kein Mensch liest. Aber gedruckt scheint das plötzlich kein narzisstischer Informationsschrott mehr zu sein, wie das gerade die Print-Medien sonst solchen Blogs vorwerfen, sondern der Rohstoff für ein (laut Werbe-Fachpresse) superkreatives Magazin-Konzept. Da könnte man jetzt lange über “The medium is the message” philosophieren…

(via persönlich)

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