Blogs und die Aufmerksamkeitskrise:
Zurück zum Mainstream-Medium?
Dass wir in informationsreichen Zeiten leben, dürfte wohl niemandem entgangen sein. Jeden Tag stehen hunderte von Medienangeboten im Wettbewerb um unsere Aufmerksamkeit. Und leider bedeutet Informationsreichtum gleichzeitig, dass Aufmerksamkeit zum immer knapperen Gut wird.
Als neuste Medienform sind nun auch Blogs und Podcasts besonders geeignet, unsere Mediennutzung weiter anzureichern, aber eben auch weiter zu fragmentieren und zu komplizieren. Kein anderes Medium bietet eine vergleichbare inhaltliche Auswahl bei gleichzeitig so intensiver Nutzungsform. Da Blogs (typischerweise) abonniert werden, hat man als Leser einen starken Anreiz, sich regelmässig mit einer Medienquelle zu befassen. Blogs — oder allgemeiner gesagt: RSS-Feeds — vereinen die Bindungsmechanismen der abonnierten Tageszeitung mit dem (potentiell) fast unbegrenzten Informationsangebot des Web. Gut 20 Millionen Blogs gibt es inzwischen, und, wie Jürg Stuker immer sagt, wenn auch nur 0.01% davon brauchbar ist, ist das verdammt viel guter Content.
Und genau darum macht sich bei den Usern langsam ein Gefühl der Übersättigung breit. In der Blogosphere wird gerade die “Krise der Aufmerksamkeit” heftig diskutiert (z.B. bei Fred Wilson). Denn die Frage ist: Wie viele RSS-Feeds kann der Mensch auf die Dauer sinnvoll konsumieren? 10? 50? 100? Wie geht man mit dieser Informationsflut um, wie verteilt man seine Aufmerksamkeit richtig? Denn letztlich ist jeder von uns daran interessiert, maximalen “Return on Attention” zu bekommen.
Nicholas Carr stellt dazu die These auf, dass sich die Blog-Szene mit der Zeit ähnlich entwickeln wird wie die klassischen Medien, und auch bei BusinessWeek sieht man das ähnlich. Letztlich, so Carr, werden einige wenige populäre Blogs den grössten Teil des Traffics auf sich konzentrieren, weil es den meisten Leuten einfach zu mühsam sein wird, sich mit all den anderen Angeboten auseinanderzusetzen. Dadurch wird die Blogosphere aber auch automatisch hierarchischer und weniger demokratisch. Mittler, die Ordnung in das Feed-Chaos bringen (wie z.B. Memeorandum oder die diversen Blog-Searchengines) werden laut Carr stark bestimmen, welche Feeds wir lesen. Am meisten vertrauen werden wir aber, spekuliert Mark Pincus, nicht den maschinellen Filtern, sondern menschlichen Redakteuren, die für uns die wirklich wichtigen Themen herausfiltern.
Interessante Diskussion. Bei all dem muss man sich aber immer vor Augen halten: Blogs sind im Moment immer noch ein hochgradig elitäres Medium. Damit meine ich nicht notwendigerweise eine extrem hohe Qualität (auch wenn es die stellenweise gibt), sondern die Tatsache, dass nur vergleichsweise wenige Leute regelmässig Blogs per RSS lesen. Die Diskussion um “Feed-Überlastung” dreht sich also um ein Problem, das nur verschwindend wenige Leute haben, und darum ist es gefährlich, von dieser Basis auf das Verhalten der breiten Masse zu schliessen. Die ideale Informationsdemokratie, in der wir alle wundervollen Content produzieren und ganz viele Feeds mit wundervollem Content anderer Leute konsumieren, wird es so nie geben. Die meisten Leute investieren ihre Aufmerksamkeit lieber in andere Dinge als in den Konsum von Dutzenden von Feeds.
Aber mindestens genauso falsch ist es, einfach die Strukturen der klassischen Medien auf die RSS-Welt übertragen zu wollen. Denn eins ist wirklich neu: Es war noch nie so einfach und billig, ein abonnierbares Medienprodukt zu produzieren, wie das mit Blogs möglich ist. Diese grundlegend anderen ökonomischen Eigenschaften werden es viel mehr Leuten ermöglichen, selber “journalistisch” (Anführungszeichen bewusst gesetzt) tätig zu sein und auch noch winzigste thematische Nischen zu bedienen. Und auf der Konsumentenseite werden auch Leute, die keinesfalls zu den Informationsjunkies gehören, daran sehr interessiert sein, beispielsweise Blogs zu ihrem Lieblingshobby regelmässig zu lesen. Denn je spezifischer eine Information ist, umso eher sind wir bereit, dafür Aufmerksamkeit aufzubringen.
Vielleicht bewegt sich der Mainstream-Markt ja in die Richtung hybrider Modelle aus “Bürgerjournalismus” und professioneller redaktioneller Aufbereitung. Ein beeindruckendes Beispiel ist Ohmy-News in Südkorea (dazu ein Artikel in der “Welt”, via Bettina Hein). Der grosse Unterschied zum bisher weitgehend brotlosen Blogging: Die Autoren können “Trinkgelder” vom Publikum bekommen und haben so einen finanziellen Anreiz, interessante Artikel zu schreiben. Bisheriger Rekord bei den Koreanern waren 30′000 Euro Trinkgeld für einen einzigen Artikel.
Auf jeden Fall ist es spannend, dass das in akademischen Kreisen schon seit Jahren eher abstrakt diskutierte Phänomen “Ökonomie der Aufmerksamkeit” durch das Phänomen Blogging neues Leben eingehaucht erhält und eine Konkretisierung erfährt.
Interessanten Grundlagen-Stoff zum Thema Aufmerksamkeits-Ökonomie gibt es übrigens von Davenport/Beck und Michael Goldhaber. Und ein immer wieder empfehlenswertes Grundlagenwerk ist “Information Rules” von Shapiro/Varian.
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