Arme User:
Ausgebeutet durch Web 2.0?
Eine etwas eigenartige Diskussion beschäftigt gerade einige der Top-Blogger in USA: Ist Web 2.0 gut oder böse?
Generell sehen ja die begeisterten Anhänger der Web-2.0-Welle selbige als lang ersehnte Erlösung von vielen Übeln der Menschheit an: unter anderem von schurkigen Grosskonzernen, Massenmedien, Werbung und Windows. Wikipedia, so hört man, hat endlich das Wissen der Menschheit vom Einfluss von Monopolisten wie Brockhaus befreit. Flickr hat unsere unersetzlichen Fotos aus den gierigen Fängen der Foto-und Elektronikindustrie gerissen. Und so weiter.
IT-Ober-Skeptiker Nicolas Carr fragt da allerdings: Kann eine Technologie überhaupt (moralisch) gut sein? Ist Web 2.
0 nicht einfach ein Werkzeug wie andere auch? Und noch mehr, vielleicht hat Web 2.0 ja sogar echt negative Auswirkungen: ist die Wikipedia nicht, bei aller Nützlichkeit, über weite Strecken eine Ansammlung qualitativ ziemlich fragwürdiger Artikel? Und bringt nicht diese zwar kostenlose, aber eben alles anders als perfekte Informationssammlung einen Hochqualitätsanbieter wie Encyclopedia Britannica oder Brockhaus um sein Geschäftsmodell — zum Nachteil letztlich der Gesellschaft, die verlässliche Quellen braucht? Carr sieht die “Hegemonie des Amateurs” am Horizont heraufziehen, und das meint er nicht positiv.
Breitband-Guru Om Malik geht sogar noch einen Schritt weiter: Wenn wir alle fleissig unsere Tags zu Flickr, Del.ici.ous und anderen “social” Sites beisteuern, oder wenn wir bloggen, Sachen auf eBay verkaufen und Rezensionen auf Amazon.com schreiben, schaffen wir offensichtlich Werte. Davon profitieren wir durchaus als User dieser Dienste, aber andere, gerade eben die hinter diesen Angeboten stehenden Firmen, profitieren noch viel mehr. Ein Blick auf die Börsenkurse von Ebay, Yahoo oder Google reicht wohl als Beweis. Man kann sich fragen: Steuern wir da in unserem “Social Software”-Enthusiasmus Leistungen bei, für die wir nicht angemessen entschädigt werden? Und wenn das so ist, wie lange kann dieses Ungleichgewicht halten?
Gute Fragen, bisher wenig Antworten.
In Bezug auf die “Hegemonie des Amateurs”: Web 2.0 senkt zunächst einmal deutlich die Einstiegshürden für Content-Produktion, mit allen auch unschönen Nebenwirkungen, die das bringt. Kaum jemand von uns hätte sich vor Jahren träumen lassen, mal Co-Autor einer Enzyklopädie werden zu können, jetzt geht das ganz einfach (falls wir die Zeit dafür investieren wollen). Und wenn man die Wikipedia ansieht, gibt es zu sehr vielen wichtigen Themen nicht nur gute, sondern wirklich brillante Artikel. Die von Carr zitierten Beispiele Bill Gates und Jane Fonda sind tatsächlich schlecht, aber irgendwie kann man nachvollziehen, warum sich niemand für diese Artikel besonders engagiert. Ehrlich gesagt glaube ich auch nicht, dass die Encyclopedia Britanntica ihre Bill-Gates-Biographie als ihren grössten Stolz sieht.
Es scheint mir auch nicht so, dass sich Web-2.0-User schrecklich ausgebeutet fühlen sollten, weil sie für ihr Tagging nicht bezahlt werden. Der Witz an Netzwerk-Effekten (wie sie dabei vorkommen) ist ja gerade, dass durch das Zusammenwirken vieler individueller Teilnehmer der Gesamtnutzen des Systems exponentiell steigt. Und dass nicht alle Teilnehmer zu gleichen Teilen an diesem Nutzen partizipieren, ist noch lange kein Grund dafür, diesen Nutzen nicht zu generieren. Das klassische Argument dazu findet man im Lexikon unter “Pareto-Effizienz“: Wenn man jemanden durch eine Massnahme besser stellen kann, ohne gleichzeitig anderen zu schaden, dann sollte man das tun. Und offensichtlich empfinden die Nutzer von Social Software ihren persönlichen Nutzen als grösser als den Aufwand, den sie investieren müssen. Nur darum gibt es solche Phänomene überhaupt.
Freilich: Auf solchen Effekten wurden schon oft in der Geschichte Business-Imperien gebaut. Leute wie Rockefeller, Vanderbilt oder Gates verdank(t)en ihren Reichtum genau solchen Netzwerk-Effekten, die sie geschickt ausnutzten. Und das beantwortet vielleicht auch schon ein wenig die Frage, ob es an Web 2.0 etwas zu verdienen gibt…
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