Grosse Aufregung um den Video-iPod

Andreas Göldi, 17. Oktober 2005 18:51 Uhr, 0 Kommentare Kommentare

Es war ja zu erwarten, dass die Ankündigung von Apples neuem Video-iPod und insbesondere des Online-Verkaufs von TV-Content per iTunes einiges Echo auslösen würde. Aber ich hätte nicht gedacht, dass die Wellen gleich so hoch schlagen könnten.

Das zur Fachzeitschrift AdWeek gehörende Blog “AdFreak” titelt: “Steve Jobs kills 30-second spot “. Nun, das ist wohl ein klein wenig übertrieben, aber man kann nicht bestreiten, dass Apple mit seiner Video-Download-Initiative natürlich genau wieder mal auf die von der Werbeindustrie am meisten geliebte demographische Gruppe zielt. Die wird demnächst möglicherweise die Top-Shows nicht mehr über den Fernseher konsumieren, sondern halt eben per (werbefreiem) Video-Download. Bei vielen Jugendlichen gibt es angeblich sowieso schon einen Trend, gar keinen Fernseher mehr zu besitzen , sondern sämtliche elektronischen Medien per Computer zu konsumieren. Da kommen Apples neue Angebote wie gerufen.

Die BBC erinnert allerdings daran , dass alle bisherigen Versuche für mobiles Fernsehen gescheitert sind. Das hatte viel mit technischen Limitationen zu tun, aber nicht zuletzt auch mit Konsumentenverhalten und Praktikabilität. Prognose hier: Video per Mobilgerät könnte sehr wohl einen gewissen Erfolg haben, aber nur als Nischenmarkt. Sagt zumindest Universitätsprofessor Michael Bull, der bezeichnet wird als “leading expert on iPod culture”. Toll, womit sich Universitäten heute so beschäftigen.

Broadcast.com-Gründer Marc Cuban erklärt unterdessen, warum Video-Download sogar für die Produzenten von TV-Shows eine sehr gute Sache sein könnte: Viele Shows werden heute nämlich für Preise unter ihren Kosten an die Fernsehsender lizensiert. Die Produzenten hoffen dann, mit später (im Erfolgsfall) erhöhten Preisen sowie Zusatzeinkünften aus DVD-Verkäufen und dergleichen Geld zu verdienen. Eine Show aber zusätzlich gleich direkt an Endkonsumenten zu verkaufen, könnte für fast alle Beteiligten lukrativer und darum interessant sein. Auch Ex-Macromedia-CTO Jeremy Allaire kann sich in seinem Blog kaum noch erholen vor Begeisterung über die glorreiche Zukunft des Internet-Fernsehens. Aber der Mann ist beruflich ja auch vorbelastet.

Wie das Wall Street Journal berichtet, sind die zum ABC-Network gehörenden Fernsehstationen inzwischen massiv sauer, weil sie nicht am neuen Verkaufskanal für “ihren” Content partizipieren können. Die Sender fühlen sich sozusagen als kostenlose Werbekanäle für die online vertriebenen Shows missbraucht. Da haben sie, wenn man Marc Cubans Analyse glaubt, wohl auch recht, denn als letzte Stufe in der traditionellen Fernseh-Wertschöpfungskette könnten sie die grossen Verlierer sein. Wenn sich internetbasierte Video-Distribution durchsetzt, werden ihre Werbeumsätze zwangsläufig fallen, aber die neuen Online-Umsätze fallen ganz woanders an.

Wie auch immer, eins kann man sicher festhalten: Das Phänomen Internet-Fernsehen, bisher wirklich eine reine Nischenveranstaltung, ist durch Apples Marketingpower plötzlich zu einer (potentiellen) Mainstream-Angelegenheit geworden. All die Millionen iTunes-Nutzer, die nun auch Videos idiotensicher downloaden können, werden mit Garantie einen massiven Impactauf den Markt haben.

Und dabei geht es nicht nur um recycelte TV-Inhalte. Nicht zu vergessen sind die möglichen Folgen davon, wie viel einfacher es nun geworden ist, selbst eine Show (bzw. ein Video-Blog) zu produzieren und weltweit zu verbreiten: Man braucht nur eine handelsübliche Videokamera, ein bisschen Schnittsoftware für den PC, einen halbwegs brauchbaren Server für das Hosting, Zugang zu iTunes, und fertig. Schon ist man im Prinzip seine eigene globale TV-Station — ein gewöhnungsbedürftiger Gedanke. Ob sich für all die wahnsinnig kreativen Vlogs dann auch ein Publikum findet, ist dann natürlich eine ganz andere Frage. Der “Long Tail” lässt grüssen…

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