Der 90-Tage-Tablet-PC-Test
Ein Geständnis: Ich habe die unschöne Angewohnheit, mir ständig irgendwelche neuen Gadgets zu kaufen und dann heftig meiner Umgebung davon vorzuschwärmen. Schon mehr als einmal hat sich daraufhin jemand aus meinem Bekanntenkreis das gleiche Gerät gekauft, nur um wenig später zu erleben, dass ich plötzlich das fragliche technische Wunderwerk gar nicht mehr soooo toll fand und mir schliesslich kurz darauf die nächste Generation kaufte. Kann ja mal passieren, schliesslich merkt man bei den meisten Gadgets erst nach einiger Zeit, ob sie wirklich was taugen.
Darum habe ich mir vorgenommen, fürderhin mit angemessenem zeitlichem Abstand (ca. 90 Tage) den interessierten Kreisen nochmals über die realweltlichen Erfahrungen zu berichten, um nicht noch mehr Fehlkäufe auf dem Gewissen zu haben.
Der Test meines neuen Tablet-PCs von Motion Computing vor nunmehr bald 90 Tagen hat relativ viel Echo ausgelöst, und daher sei diese neue Vorsatz hier gleich mal erprobt.
Der/die geneigte Leser/in erinnert sich möglicherweise: Der Motion Computing LE 1600 ist ein Tablet-PC im sogenannten Slate-Format, also im Prinzip eine digitale “Schreibtafel” ohne fest montierte Tastatur. Die neue Generation von Windows XP Tablet Edition und der sonstigen Tablet-spezifischen Software versprach einen deutlich höheren Nutzwert gegenüber der ersten Generation von Tablets. Und der andersartige Form-Factor eines Slates ist auch allemal interessant. Wie also bewährt sich dieser ungewöhnliche PC in der Mittelfrist-Praxis?
Um es vorwegzunehmen: Grundsätzlich wirklich gut.
Fangen wir mal mit den eher banalen Aspekten an, mit den Features, die man auch von jedem normalen Notebook erwartet: Die Prozessorleistung des Motion-Tablets ist gut, wenn auch nicht berauschend. Für die üblichen Anwendungen reicht es allemal, aber 3D-Filmrendering und HD-Videoschnitt sollte man vielleicht nicht unbedingt damit machen. Die Batterielebensdauer geht in Ordnung, und WLAN- und sonstige Vernetzungsfähigkeiten entsprechen dem, was man heute erwartet. Insgesamt also eine solide Performance.
In der neuen Generation haben die Tablet-PCs einen scheinbar kleinen, aber sehr wesentlichen Sprung hinsichtlich Usability gemacht: Die Stift-Funktionen sind einfach da und funktionieren unauffällig, ohne ständig auf sich aufmerksam zu machen. Bei den frühen Tablet-PCs dauerte es zum Beispiel oft einen Moment, bis die Handschrift-Wiedergabe ansprang. Man schrieb mit dem Pen schon drauf los, aber die Buchstaben erschienen zu Beginn erst nach ein bis zwei Sekunden. Scheinbar ein Detail, aber bezüglich Praxiseinsatz enorm nervig und ablenkend. Und natürlich wollten alle diese Funktionen ständig irgendwie konfiguriert und optimiert werden. In so manchem Meeting brauchte ich erstmal drei Minuten, bevor ich überhaupt Notizen machen konnte. Heute funktionieren diese Funktionen ohne Gebastel. Jetzt ist der elektronische Stift ganz natürlich in die PC-Bedienung integriert, man muss sich so wenig bewusst damit beschäftigen wie mit seiner Maus.
Wie bewährt sich der Slate-Form-Factor? Nun, etwas gewöhnungsbedürftig ist es natürlich schon, keine fest montierte Tastatur zu haben. Im normalen Bürobetrieb stört das nicht, denn da kann man das Gerät problemlos in die Dockingstation stellen und an eine externe Tastatur anhängen — insgesamt sogar eher ein Komfortgewinn gegenüber einem normalen Notebook. Eine ganz ungewöhnliche Anwendungsform wird dem Slate neu möglich, das sogenannte Sofa-Surfen: Dank der praktischen Form kann man problemlos auf der Couch fläzend oder gar im Bett (wenn man das unbedingt will) noch ein paar Websites anschauen, sehr viel einfacher und gemütlicher als mit einem Notebook. Die Verwendung in der Badewanne wäre möglich, ist hingegen nicht empfohlen…
Etwas anders sieht es unterwegs aus: Zwar überzeugt das Slate durch seine kompakte Grösse und sein geringes Gewicht. Auch für reinen Informationsabruf, also vor allem das Lesen von Dokumenten, eBooks und Webseiten, ist es allemal sehr praktisch. Wirklich nachteilig ist die Slate-Form nur, wenn man mal schnell im Zug oder auf dem Flughafen was tippen will, denn dann mit externen Tastaturen zu balancieren, ist mehr als unpraktisch. Motion Computing bietet verschiedene Tastaturvarianten an, aber für diesen Einsatzfall kann keine wirklich überzeugen. Noch am sinnvollsten ist das sogenannte “Convertible Keyboard”, eine Laptop-ähnliche Tastatur, die für Betrieb und Transport am Slate befestigt werden kann. Sieht auf den ersten Blick gut aus, ist aber mechanisch nicht so stabil, wie man sich das wünschen würde. Wer also unterwegs öfters längere Texte schreibt, sollte sich vielleicht eher nach einem Convertible-Tablet mit fix installierter Tastatur umsehen, zum Beispiel bei IBM/Lenovo, Toshiba oder Acer.
Welchen Zusatznutzen bietet denn nun die aktuelle Generation von Tablets in der täglichen Arbeitspraxis?
Am unmittelbar nützlichsten für mich persönlich ist sicher die Möglichkeit, direkt Notizen mit dem Tablet-Stift zu machen. Ich trage tatsächlich keinen papiernen Schreibblock mehr mit mir herum, seit ich mein Tablet habe (erst hatte ich noch einen als Backup dabei, vergass ihn aber irgendwann im Büro und habe das gar nie bemerkt). Die meisten Sitzungspartner gewöhnen sich nach erstem Erstaunen schnell daran, dass man Notizen mit diesem ungewöhnlichen Gerät macht, sehr viel besser als bei einem normalen Notebook mit seinem Tastaturgeklapper und störenden hochgeklappten Display.
Die Schlüsselanwendung hierfür ist Microsoft OneNote. Ich habe einige andere Notiz-Applikationen mit unterschiedlichen Stärken und Schwächen ausprobiert, aber OneNote bietet insgesamt doch den ausgewogensten Satz an Features und (wen wundert’s…) die beste Integration mit Microsofts Office-Palette. Es ist ungemein praktisch, seine sämtlichen Notizen in einer einzigen Applikation erfassen, sortieren und suchen zu können. Ausserdem gibt es Zusatzmodule, mit denen man mit einem einzigen Mausklick z.B. Webseiten in Outlook abspeichern kann — sehr nützlich für umfangreiche Recherche-Sessions. Die Stabilität der Software geht inzwischen absolut in Ordnung, das Benutzerinterface ist bis auf ein paar Unsauberkeiten sehr intuitiv.
Neben dieser eher profanen Anwendung werden Tablet-PCs gern auch mit dem Argument der Kreativitätsförderung verkauft. Applikationen dazu gibt es etliche. Die Brauchbarkeit der eher grafisch orientierten Programme kann ich mangels Bedarf und Talent nicht beurteilen. Hingegen arbeite ich gelegentlich mit dem MindManager von MindJet, der in der neusten Version auch Tablet-Unterstützung bietet. Ehrlich gesagt verwende ich die Tablet-Funktionen aber so gut wie nie.
Ganz generell ist meine Erfahrung, dass das Tablet-Interface sich vor allem gut für Informationsabruf und eben Notizen eignet, aber weniger für all das, was man mit “Content-Produktion” umschreiben könnte. Wenn man mal schnell einen Brain-Dump im Mindmap-Programm macht, geht das mit Tastatur und Maus um Grössenordnungen schneller als mit dem Stift, dito Folienmalen in PowerPoint und Zahlenschrauben in Excel. Und längere Texte mit der Handschrifterkennung zu schreiben ist zwar theoretisch möglich, aber wirklich keineswegs effizient.
Kommen wir zur Gretchenfrage: Braucht man wirklich einen Tablet-PC?. Meine Antwort darauf wäre ein klares “Jain” (man beachte: Mehr Ja-Anteil als ein klassisches “Jein”).
Die Tablet-Funktionalitäten sind keineswegs unverzichtbar, aber nützlich, praktisch und in vielen Situationen produktivitätssteigernd. Man kann das vielleicht mit WLAN vergleichen: Früher kam man auch ohne aus, aber nachdem man sich mal daran gewöhnt hat, möchte man es nicht mehr missen. Keine Revolution also, aber eine sinnvolle Ergänzung. Ob einem das den Aufpreis für einen Tablet-PC wert ist, muss jeder für sich entscheiden. Für mich ist eigentlich klar: Mein nächster PC wird wieder ein Tablet sein.
Nächste Frage: Ist der Slate-Form-Factor sinnvoll? Hier wäre ich schon eher skeptisch. Leider gibt es den optimalen Tablet-PC noch nicht. Die Convertible-Tablets sind mir persönlich zu dick und schwer, und beim Slate hat man den Nachteil des Gebastels mit Einzelteilen. Perfekt wäre ein Gerät, das so leicht und dünn ist wie mein Motion LE1600, aber eine fest eingebaute Tastatur hat. Immerhin: der Fortschritt der letzten Jahre war beachtlich, und darum kann man hoffen, dass wir dem Idealzustand in der nächsten Zeit noch näher kommen. Erst dann werden die Tablet-Funktionalitäten wirklich in den Notebook-Mainstream einfliessen.












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