Störrische Konsumenten:
Keine Lust auf “Digital Home”?

Andreas Göldi, 11. September 2005 15:23 Uhr, 0 Kommentare Kommentare

Also wirklich: Da investiert eine ganze Branche (z.B. Intel, Microsoft, Siemens) Herzblut und Marketingmillionen, um die armen Konsumentinnen und Konsumenten mit dem “Digital Home” endlich aus der unterhaltungs- und haussteuerungstechnischen Steinzeit zu befreien, und was machen die? Ignorieren diese Bemühungen dreist! Undankbares Pack!

Ein Artikel im Economist stellt die Situation einigermassen unverblümt dar: Obwohl die Elektronik-, IT- und Hausgeräte-Branchen schon seit Jahren versuchen, im Konsumentenmarkt tolle Heimvernetzungsinfrastrukturen zu verkaufen, nehmen sich die Umsätze bisher mehr als bescheiden aus.

Komischerweise scheint sich kaum jemand ernsthaft für umfassende “Lösungen” zur universellen Verbindung von PC, Fernseher, Stereoanlage, Waschmaschine und Kühlschrank zu interessieren. Die diversen Demo-Häuser, die irgendwelche Industriekonsortien hin und wieder mal bauen, führen zwar oft zum einen oder anderen Presseartikel, aber die Kauflust der Zielgruppen haben sie bisher nicht angeregt.

Dafür gibt es diverse Gründe. Ein paar der wichtigsten:

  • Die Integration der diversen Gerätschaften ist immer noch viel, viel, viel zu kompliziert. Bezüglich “Plug-and-Play”-Philosophie steht die Heimvernetzungsszene etwa dort, wo der PC 1988 war: Ohne viel Handarbeit und Fachwissen ist man absolut chancenlos. Die Anbieter konnten sich trotz aller Bemühungen noch nicht mal auf einen halbwegs konsistenten Vernetzungsstandard einigen, geschweige denn auf Normen im applikatorischen Bereich.
  • Sogar wenn man (wie ich) leidensfähig und bereit ist, auch mal ein Wochenende mit Konfigurationsarbeiten zu verbringen: In der Anwendung ist das ganze oft so umständlich, dass man schnell wieder zu den guten alten Methoden (CDs, DVDs…) zurückkehrt. Frustration jeder Art ist nämlich garantiert. Warum ist es z.B. noch immer nicht möglich, einen auf dem Laptop in irgendeinem Online-Musikshop gekauften Song mal schnell auf den Wohnzimmer-PC zu kopieren, um ihn dort abzuspielen? Und zwar einfach so, ohne manuelle DRM-Fummeleien?
  • …und von den Preisen wollen wir gar nicht erst reden. Selbstverständlich sind heute meistens nur teure High-Ende-Geräte vernetzungsfähig. Hinzu kommen oft hohe Ausgaben für die Netzinfrastruktur und die Dienstleistungen eines kompetenten Integrators.

Vor einigen Monaten hatte ich mal das Vergnügen, mich mit dem Thema Hausvernetzung beruflich etwas intensiver zu beschäftigen. Was mich dabei überrascht hat: Selbst die meisten Hersteller scheinen nicht so genau zu wissen, warum sie das alles eigentlich machen. Die Antwort ist oft einfach “weil es unsere Konkurrenten auch machen”. Man glaubt, dass dort der Zukunftsmarkt liegt, denn irgendwo muss er ja wohl liegen. Und warum auch nicht bei der umfassenden, bequemen Lösung für alle Unterhaltungs- und Steuerungsbedürfnisse?

Aber wie schreibt der Economist so treffend: “[Consumers] buy things, not systems”. Wenn ich mir eine neue Stereoanlage kaufe, will ich mir nicht unbedingt auch noch ein Team eines Systemintegrators für die Durchführung der Installation ins Haus holen.

Das erinnert mich wieder mal an die Theorien von Clayton Christensen: Der sagt nämlich, dass in technisch relativ unreifen Märkten die vertikal integrierten Lösungen aus einer Hand gewinnen (siehe, auf geringerem Komplexitätsniveau, das proprietäre System aus Apple iPod und iTunes). Erst, wenn die Schnittstellen zwischen den einzelnen Komponenten stabil genug definiert sind, setzen sich mit der Zeit die besten Hersteller von Einzelkomponenten durch.

Aber so weit sind wir hier wohl noch lange nicht. Jedenfalls habe ich auch bei den vernetzungsaffinen Herstellern kaum je eine Person getroffen, die selbst ein vernetztes Heim hat. Und das ist ja wohl verdächtig genug…

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