Live von der IFA in Berlin:
Die neusten Trends (oder was die Hersteller dafür halten)
Den gestrigen Tag habe ich an der Internationalen Funkausstellung (IFA) in Berlin verbracht, der wohl bedeutendsten Gadget-Messe Europas. Während meine Frau aus beruflichen Gründen Dutzende von Navigationssystem-Herstellern abklappern musste, habe ich mir Mühe gegeben, einen breiteren Überblick darüber zu gewinnen, was derzeit so läuft in der Unterhaltungselektronik.
Schon allein der Name ist phantastisch: Funkausstellung. Das klingt noch nach Röhrenverstärkern und handgewickelten Sendespulen, nach guter, ehrlicher Technik eben. Nicht wie bei diesen neumodischen IT-Schnösel-Messen wie “Cebit” oder “Comdex”.
Zu sehen gibt es aber auf der IFA natürlich auch das Neuste, aber mit einem klaren Fokus auf das Konsumenten-Segment. Was waren also nun die grössten Trends?
Ganz im Vordergrund stand natürlich HDTV, das hochauflösende Fernsehen.
Die Elektronikkonzerne hoffen auf Rückenwind durch die Fussball-WM 2006 in Deutschland, um diesen neuen Qualitätsstandard endlich durchzusetzen. Darum schossen sie an der IFA aus allen Rohren: Kaum ein Stand, auf dem nicht Dutzende von HDTV-Screens flimmerten (oder eben nicht flimmerten, ist ja schliesslich modernste, flimmerfreie LCD-Technologie mit Progressive Scan).

HDTV gleich stapelweise
Tragisch nur, dass auf diesen schönen Geräten überall die ewig gleichen, grauenhaft langweiligen Demofilme mit bunten Blumen, perlenden Gebirgsbächen und malerischen italienischen Küstenstädten zu sehen waren. Nur LG war da schlauer, dort demonstrierte man seine HDTV-Geräte mit dem knackigen neuen Konzertvideo von Beyoncé. Da versteht man wenigstens gleich den Kundennutzen.
Begleitet werden diese neuen Technologien von einem unsäglichen Normenwirrwarr beim digitalen Fernsehen: Brauche ich denn nun DVB-T, DBV-H, DVB-S oder doch lieber DMB? Oder ganz was anderes? Keine Ahnung, und das meistens eher gutaussehende statt kenntnisreiche Standpersonal konnte einem da normalerweise auch nicht weiterhelfen. Begonnen hat auch der Kampf um den nächsten Datenträger-Standard. Die beiden Konsortien Blu-ray Disc und HD-DVD versuchten ausführlich, die Konsumenten von den Vorzügen ihres jeweiligen Angebots zu überzeugen. Wirklich bedauerlich, dass sich die Industrie da wieder mal nicht einigen konnte und jetzt einen Standardkrieg auf dem Rücken der Kunden austrägt.

Der Propaganda-Stand der Blu-ray-Anhänger
Der Preis für die ausgeprägteste Profilierungsneurose geht klar an Samsung: Dort hatte man in praktisch jeder Gerätekategorie das grösste, kleinste, bestausgestattete oder sonstwie tollste Gerät und wies darauf auch ausführlich und stolz hin. Tatsächlich beeindruckend war der weltgrösste (was sonst) HDTV-Screen mit einem Durchmesser von 102 Zoll, also gut 2.5m — eine Fläche, die man normalerweise eher von Betten als von Fernsehern erwartet.

Diese freundliche Dame am Samsung-Stand musste pro Stunde etwa 200 mal erklären, dass es sich bei der ausgestellten Xbox 360 leider nur um eine Attrappe handelte. Die Demos waren trotzdem nett.
Den eindeutig kreativsten Stand hatte Sony, wo man mit Vorhangbahnen aus schwarzem Chiffon eine ganz besondere Atmosphäre schuf. Zu feiern gab es die Europa-Lancierung der Playstation Portable sowie des neuen Walkman-Handies, das man in Liegekojen in aller Ruhe probehören konnte. Beides eigentlich ein eher alter Hut, denn wie immer kommt Europa zuletzt dran bei der Auslieferung. Aber trotzdem schön, dass man diese Dinger jetzt hier problemlos kaufen kann.

Massendaddeln bei Sony mit der neuen Playstation Portable
Breit war auch das Angebot im Hifi-Bereich, mit einigen bemerkenswert lauten Highlights. Die Fachzeitschrift Audio hatte die “teuerste Anlage der Welt” für den Spottpreis von 1 Mio. Euro aufgebaut. Das lange Anstehen für eine Hörprobe habe ich mir gespart, aber ich bin sicher, sie klingt ganz, ganz, ganz toll. Muss sie ja.

Retro-Tech mit neuem Sinn: Der hippe amerikanische Radiohersteller Etón bot dieses neue Radio für Notsituationen an. Funktioniert ganz ohne Batterien und stiess aus aktuellem Anlass auf viel Interesse.
Etwas enttäuschender war die PDA- und Handy-Front. Zu sehen gab es primär Geräte, die schon lange angekündigt waren, oder irgendwelche frühen Prototypen mit Voodoo-Features, die so noch lange nicht auf den Markt kommen werden. Besonders beliebt bei den Herstellen ist im Moment das Thema mobiles Fernsehen mit DVB-H, womit dann die Businesspläne der UMTS-Anbieter endgültig Makulatur sein dürften. DVB-H sendet nämlich digital über das Fernsehantennen-Netz, an den Telefon-Operators weitgehend vorbei. Ein weiteres grosses Thema war GPS: Unmittelbar vor der Tür stehen Handies und PDAs mit Navigationsfunktionalitäten, und die Angebote im Bereich der spezialisierten portablen Navigationssysteme waren kaum zu zählen.
In den meisten Bereichen dominierte aber Einheitsware: Jeder hatte HDTV-Screens, Media-Center-PCs, Dutzende von MP3-Playern und Digitalkameras und so weiter. Darum waren die wenigen etwas ungewöhnlicheren Angebote umso interessanter.
Wirklich cool waren die sogenannten “International Halls”, was ein Euphemismus für “Chinesen-Ghetto” ist. Dort reihten sich, säuberlich vom Mainstream getrennt, Hunderte von kleinen chinesischen Elektronikproduzenten in kunterbunten Ständen auf — bezeichnenderweise im Untergeschoss, während die etablierten Brands im Obergeschoss residierten.

Die gelbe Gefahr für den Rest der Branche?
Zu sehen waren im Prinzip die genau gleichen Produkte wie bei den Big Names, nur mit völlig unbekannten Markennamen. Kein Wunder, das Zeug wird ja auch in den gleichen Fabriken irgendwo in China hergestellt. Manche der China-Hersteller waren so pragmatisch, dass sie auf ihren No-Name-DVD-Systemen gleich den Original-Demofilm von Toshiba oder anderen Top-Brands laufen liessen. Warum auch nicht, ist schliesslich die gleiche Elektronik drin.
Und hier gab es dann doch ein paar wirklich ungewöhnliche Produkte zu bewundern:
- Den wasserfesten LCD-Fernseher für die Badewanne (endlich…)
- Fernsteuerbare Fussmassage-Geräte (keine Ahnung, was das mit Unterhaltungselektronik zu tun hat, aber trotzdem toll)
- Ein Mobiltelefon mit eingebautem Alkohol-Tester (prima für den Schweizer Markt)
- Und für unsere Freunde in der islamischen Welt: Ein digitaler Koran-Player, wohl so eine Art portables Minarett (Slogan: “Keep your daily islamic life more faithful and enjoyable”). Das ist eben noch echte Zielgruppenorientierung, nicht wie bei diesen globalisierten Grosskonzernen.
Erstaunlich auch ausserhalb der China-Community, wie viele Hersteller man eigentlich nicht kennt. Wenig bekannte Namen wie Vestel, Beko oder Profilo hatten riesige Stände mit vollem Sortiment. Es gibt doch was zu entdecken, wenn auch mehr in die Breite des Angebots als in die Innovationstiefe.
Aber versuchen wir mal ein Fazit zu ziehen: Mit dem Aufkommen von HDTV hat sich die Digitalisierung in der Unterhaltungselektronik endgültig durchgesetzt. Überall wird fleissig vernetzt, gestreamt und integriert.
Die IT-Branche war dementsprechend allgegenwärtig, wenn meistens auch mehr diskret im Hintergrund. Lediglich Intel scheint es sich zur Aufgabe gemacht zu haben, die Konsumenten gleich aus erster Hand über die zukünftigen Möglichkeiten aufzuklären. Auf zwei sehr grossen Ständen wurde über Digital Entertainment und Digital Home informiert, wenn auch noch etwas ungelenk.
Natürlich verspricht sich die Elektronikbranche von all diesen neuen Trends einen deutlichen Aufschwung nach den schwierigen letzten Jahren. Aber es fiel sehr stark auf, wie wenig sich die Hersteller heute noch voneinander abheben. Anders als früher, als man nur bei einer Handvoll Anbieter wirkliche Top-Qualität bekam, steht heute annährend identische Technologie aus den Fabriken in Asien fast allen Interessenten zur Verfügung. Der dadurch entstehende Konkurrenzdruck dürfte wenigstens für weiterhin sehr erschwingliche Preise für die Basisprodukte sorgen.
Eine bemerkenswerte Entwicklung: Die reine Basistechnologie ist kaum mehr eine Differenzierungsmöglichkeit, viel entscheidender werden Design und Coolness-Faktor der neuen Geräte. Bestes Beispiel war Apple: Man hatte keine eigene Präsenz an dieser Messe, war aber mit einem iPod auf praktisch jedem zweiten Stand zu finden.
Vielleicht kommt damit die Unterhaltungselektronik ihrem eigentlichen Zweck wieder näher. Statt um lange Feature-Listen geht es wieder um schöne, nützliche und interessante Geräte, die sich am Benutzer orientieren und nicht (nur) am technisch Machbaren.












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