Yahoo und “Old Media”-Manager:
Glücksfall oder Fahrt ins Verderben?
Die beiden ehrenwerten Zeitschriften Economist und Fortune zeigen uns diese Woche wieder mal, dass man durchaus fundiert gegenteiliger Meinung sein kann über ein und dieselbe Sache: Es geht um Portalkönig Yahoo und die Tatsache, dass das Management selbiger Firma zunehmend mehr aus Leuten besteht, die ihre Karriere bisher mit “Old Media” gemacht haben. Also mit irgendwas, das kein TCP/IP versteht — Fernseher und Zeitungen und so.
Fortune lobt Yahoo-CEO Terry Semel in den höchsten Tönen dafür, dass er sein Management-Team immer mehr mit solchen erfahrenden Profis verstärkt, zuletzt beispielsweise mit Fernsehmanager und “Desperate Housewives”-Miterfinder Lloyd Braun. Denn, so Fortune, je breitbandiger das Internet wird, desto mehr wird das Web TV-ähnlich, und umso mehr sind die Fähigkeiten traditioneller Fernsehprogramm-Macher gefragt.
Und: die richtig grossen Werbedeals werden auch heute beim Lunch oder auf dem Golfplatz abgeschlossen, und nicht über ein Web-Formular. Darum sind für den kommerziellen Erfolg Werbeverkäufer mit Beziehungsnetz und Charme gefragt, nicht irgendwelche Suchalgorithmen-Nerds.
Dem hält der Economist entgegen, dass Yahoo derzeit schlicht und ergreifend eine grössenwahnsinnige Strategie fährt, die sich für die Realitäten des Internet nicht eignet. Man will alles für alle machen, der Beste in Content, Search und Community sein und damit mal eben zur weltgrössten Medienfirma werden. Und das ganze spielt sich in einem “Walled Garden” ab — der User soll doch bitte nur noch Yahoo berücksichtigen bei seinem Online-Treiben. Tatsächlich lautet die Mission von Yahoo: “The only place anyone needs to go to find anything, communicate with anyone, or buy anything”. Diese monolithische Sicht, suggeriert der Economist, hat viel mit der Mentalität der Yahoo-Manager zu tun, die von traditionellen Medienhäusern kommen.
Eigentlich hat Yahoo in der letzten Zeit ja einige sehr gute Schachzüge gemacht. Der Kauf von Foto-Community Flickr und der Einstieg in China bei Alibaba.com sind sicher gelungene Aktionen. Zudem ist Yahoo derzeit sehr innovativ, fast so sehr wie Google, wenn es um neue Angebote geht. Yahoo 360 (Community-Portal), Mindset (kontextsensitive Suche) oder Yahoo Subscriptions (Suche in kostenpflichtigen Quellen) sind Beispiele aus den letzten Wochen.
Aber es stimmt tatsächlich: Bei Yahoo hängen alle Elemente so eng zusammen, dass sich der volle Nutzen fast nur demjenigen User erschliesst, der sich mit Haut und Haar auf die Yahoo-Angebote einlässt. Google operiert da viel modularer und bietet auch häufiger als Yahoo offene APIs für das entstehende Ökosystem anderer Services an, die auf Google-Technologie zurückgreifen.
Haben wir es also mit dem Kampf Google gegen Yahoo, Programmier-Genies gegen Verkaufskanonen, Technikgläubige gegen Content-Fanatiker zu tun? Scheint tatsächlich so. Rein von den Zahlen her haben derzeit die Google-Techies die Oberhand: Googles Marge ist fast doppelt so hoch wie die von Yahoo, und auch die Börsenbewertung spricht eine deutliche Sprache.
Doch eins darf man nicht vergessen: Derzeit erschliessen alle diese schönen Services erst einen sehr geringen Teil der Bevölkerung. Die grosse Masse hat (noch) keinen Instant Messenger, kein Blog und kein Online-Kontaktnetzwerk — und programmiert schon gar nichts mit irgendwelchen APIs. Vielleicht stellt sich da Yahoo für das Gewinnen der restlichen 80% der Konsumenten gar nicht so schlecht auf mit Managern, die genau wissen, wie man den Massengeschmack abholt.
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