Der “Long Tail”:
Doch nicht so lang wie angenommen?

Andreas Göldi, 10. August 2005 10:25 Uhr, 0 Kommentare Kommentare

Ein Lieblingsthema der Blogger-Szene ist derzeit der “Long Tail”, also das Phänomen, dass im Internet auch exotische Produkte so einfach zugänglich werden, dass das Geld längst nicht mehr mit den grossen Hits verdient wird, sondern primär mit der Abdeckung kleinster Marktnischen.

Besonders beeindruckt hat im ursprünglichen Wired-Artikel von Chris Anderson über den Long Tail eine dort genannte Statistik: Amazon.com macht angeblich nicht einmal die Hälfte des Umsatzes mit den 130′000 populärsten Büchern (die man auch im typischen Buchladen findet). 57% des Umsatzes wird mit irgendwelchen sehr selten verkauften Titeln erwirtschaftet, die dank der raffinierten Empfehlungsmechanismen des Online-Shops ihr Publikum finden. Diese interessante Tatsache hat sich seither in tausenden von Blog-Posts und wohl schon ganz vielen Consultant-Präsentationen wiedergefunden, als eingängiger Beweis für die Existenz des Long Tail.

Der Haken daran ist: Die Aussage stimmt leider nicht, wie BusinessWeek berichtet. Offenbar kam die Zahl nicht von Amazon, sondern wurde von Ökonomen von der MIT Sloan School mit ein paar experimentellen Bücherkäufen berechnet. Interessante Methode, aber leider mit einem falschen Ergebnis.

Auch Chris Anderson selbst gibt inzwischen zu, dass der tatsächliche Anteil der Long-Tail-Umsätze bei Amazon wohl eher etwa 25% beträgt. Womit wir dann wieder erheblich näher bei der guten alten 80-20-Regel liegen würden, die laut Long-Tail-Propheten im Internet nicht mehr gilt (erinnert irgendwie an die Internet-Hype-Zeiten, als altmodische betriebswirtschaftliche Grössen wie etwa Gewinn angeblich auch nicht mehr relevant waren…).

Alles Humbug also? Nun, das dann wohl doch nicht. Irgendwie erinnert mich die Long-Tail-Diskussion an andere radikale Ideen wie z.B. Kevin Kellys “New Rules for the New Economy”. Mit etwas zeitlichem Abstand betrachtet haben sich die Thesen dieses damals (1997) vergleichbar einflussreichen Artikels als grundsätzlich korrekt herausgestellt. Allerdings ist das alles weniger dramatisch und vor allem weniger schnell eingetroffen, als man sich das damals vorgestellt oder vielleicht gewünscht hat. Und so ähnlich wird es wohl auch mit dem Long Tail ausgehen: Der Effekt ist zweifelsfrei da, aber er wird die Welt nicht gleich nächste Woche komplett umkrempeln.

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