Stand der Dinge beim Tablet-PC — Teil 1:
Die Historie

Andreas Göldi, 1. Juli 2005 16:12 Uhr, 0 Kommentare Kommentare

Wieder mal Bewegung an der Gadget-Front: Heute wurde mein neuer Tablet-PC geliefert, ein Gerät der neusten Generation mit dem gerade aktualisierten Tablet-Windows-XP. Bevor wir zu einem Erfahrungsbericht kommen, lohnt es sich vielleicht, sich die Entwicklung des stiftbasierten Computing über die letzten Jahre anzuschauen. Ich selbst schlage mich seit Jahren mit dieser Form des User-Interface herum, mal mit mehr, oft mit weniger Freude.

Warum gehöre ich immer noch zu den Unentwegten, die sich das antun, obwohl auch der Tablet-PC als neuste Inkarnation des “Pen Computing” wohl eher als Flop bezeichnet werden muss? Ganz einfach, ich glaube immer noch, dass der PC andere Form-Factors und Interface-Konzepte anbieten muss, um weiter noch nützlicher zu werden (wie hier schon mal beschrieben). Und ein Stift ist nicht die dümmste Art, die Einschränkungen des heutigen Maus-und-Tastatur-Interfaces zu überwinden. Schliesslich muss man niemandem die Bedienung eines Schreibstifts beibringen.

Nun aber ein kleiner historischer Rückblick anhand meiner persönlichen Erfahrungen, die vermutlich nicht mal ganz unrepräsentativ sind.

1993: In einem Projekt hatte ich das Vergnügen, mich einige Monate mit einem frühen IBM ThinkPad zu beschäftigen, das unter “Windows 3.1 for Pen Computing” lief. Rückblickend eine gewagte Sache: Obwohl der ganze PC vermutlich weniger Rechenleistung hatte als heute jeder MP3-Player, versuchte Microsoft, Windows 3.1 mit einer Handschrifterkennung zu ergänzen (über deren Qualität wir lieber den Mantel des Schweigens hüllen wollen). Das berührungsempfindliche Schwarz-Weiss-Display war miserabel lesbar, und das ganze Gerät ziemlich zerbrechlich konstruiert. “Windows for Pen Computing” verschwand verdienterweise bald wieder vom Markt.

Im gleichen Jahr: Meine erste und einzige Begegnung mit dem Apple Newton. Ein frühes Expemplar wurde in einer Informatikvorlesung zum Ausprobieren herumgereicht. Man konnte “Call Oesterle” (der Name des Professors) aufs Display kritzeln, und prompt erschien dessen Telefonnummer. Phantastisch. Leider funktionierten alle anderen Features praktisch nicht. Und die Nummer von Herrn Österle hat das Ding wohl nur deshalb gefunden, weil sonst keine gespeichert waren. Das war offenbar ziemlich typisch für User-Erfahrungen mit dem Newton, der schlussendlich zu einem der grösseren Flops in Apples Geschichte wurde (und indirekt zur Rückkehr von Steve führte).

1996: Die ersten Palms (damals noch “Palm Pilot” genannt). Eine erstaunlich dreiste Innovation: Statt zu versuchen, das Gekrakel des Users zu verstehen, zwingt man den Benutzer einfach, eine computergerechte Schrift namens “Grafitti” zu lernen. Und das funktionierte erstaunlicherweise sogar. Eigentlich war es ja mehr so eine Art Gesellschaftsspiel: “Ich kann schneller Grafitti als Du, und ich weiss sogar, wie man ein ‘&’ schreibt”. Jedenfalls war der Palm der erste grosse Erfolg für stiftbasierte Eingabe. Aber leider bot er aufgrund der geringen Display-Auflösung und des lahmen Prozessors doch nur recht begrenzte Möglichkeiten.

Darum probierte ich ab 1997 diverse Generationen von Windows-CE-basierten PDAs aus: Cassiopeia, iPaq, PocketLoox, Qtek und wie sie alle hiessen. Damit konnte man tolle Sachen machen, z.B. eBooks lesen (ich gehöre zu den wenigen Masochisten, die schon mal im Selbstversuch längere Bücher mit so einem Ding gelesen haben). Bei jedem neuen Gerät hoffte ich, dass jetzt endlich die Handschrifterkennung brauchbar genug wäre, um auch mal etwas längere Notizen damit erfassen zu können. Bis heute Fehlanzeige: Die kleinen Displays und fummeligen Stifte machen das immer noch unmöglich.

2001: Auf einem Messestand sehe ich das “Paceblade”, das Tablet-PC-Experiment eines taiwanesischen Herstellers. Muss ich haben. Das ganze stellt sich als ziemlich wild zusammengenageltes Sammelsurium aus Technologiekomponenten heraus, die zusammen so tun, als ob sie ein Tablet-PC wären (das “offizielle” Tablet-Windows war angekündigt, aber noch nicht verfügbar). Immerhin, einen innovativeren PC hatte ich noch nie. Und auch keinen, der mehr Konfigurationsarbeit machte. Aber das Paceblade erreichte sehr hohe Wertungen beim wichtigsten Sekundärnutzen solcher Geräte: Man erregt Aufmerksamkeit (und natürlich Neid — was die Amis “Gadget Envy” nennen). Erwachsene Manager, die Sitzungen unterbrechen, um sich das schöne Spielzeug demonstrieren zu lassen, sind eine gewisse Entschädigung für die Konfigurationsmühen. Und heute benutze ich das Paceblade immer noch — als MP3-Jukebox.

2002: Mein erster “richtiger” Tablet-PC, ein Acer Travelmate C102. Das gleiche Modell, das zu dieser Zeit auch er benutzte. Lustiges Konzept, dieser “Convertible” mit der Umbaumöglichkeit zwischen Tablet und konventionellem Laptop. Nur leider mechanisch reichlich unstabil, und weder Performance, noch Batterie-Lebensdauer, noch Screen-Qualität können wirklich überzeugen. Aber die Möglichkeiten der Software waren doch inzwischen recht beeindruckend. Nur war die Hardware leider noch nicht so weit.

Inzwischen fristet der Tablet-PC ein ziemliches Nischendasein und macht weniger als 1% der Notebook-Verkäufe aus. Nach einer kurzen Blütezeit als Geek- und Manager-Spielzeug hat er sich inzwischen vor allem als glorifizierter Formularblock für spezialisierte Anwendungen (Versicherungs-Aussendienst, Spitäler usw.) etabliert. Und damit bleibt leider viel des Potentials unerschlossen, das stiftbasiertes Computing eigentlich bieten würde.

Nun bin ich schon mal gespannt, wie sich die neuste Generation bewähren wird… Mehr hier bald auf diesem Kanal.

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