Fragmentierte Medienlandschaft und die Folgen
Das Thema “Fragmentierung der Zeitungslandschaft”, kürzlich hier schon angesprochen, scheint im Trend zu liegen. In der NZZ schreibt Prof. Ottfried Jarren über den Verlust der Integrationsfunktion der Tageszeitung. Die Tageszeitung wird in der Zukunft nicht mehr das Universalmedium sein, das jeder jeden Tag konsumiert, sagt Jarren. Martin Hitz weist währenddessen in seinem “Medienspiegel” genüsslich darauf hin, dass er selbst kürzlich in einer publizistischen Auseinandersetzung mit besagtem Professor diese Position schon vetreten hat, während dieser seine Meinung inzwischen offenbar geändert hat.
Na ja, man muss heutzutage flexibel sein als Forscher.
Jarrens (aktuelle) These ist, dass es in Zukunft noch drei Arten von Zeitungen geben wird:
- Die “Formatzeitung”, typischerweise kostenlos, die ein ganz bestimmtes Zielpublikum in einer spezifischen Bedürfnissituation anspricht. Bekanntestes Beispiel: 20 Minuten.
- Die neupositionierte Regionalzeitung, die sich wirklich auch auf regionale Aspekte und den entsprechenden Nutzwert konzentriert. Der Chefredakteur des “Hintertupfinger Anzeigers” braucht also in Zukunft keine ausführlichen Leitartikel über die Wahlchancen der sozialistischen Partei von Tschibouti mehr zu verfassen, sondern sollte lieber über die Eröffnung des Coiffeursalons gegenüber berichten. Interessiert seine Leser mehr.
- Und schliesslich die Elite-Zeitung für das Bildungsbürgertum, voll von tiefschürfenden, meinungsbildenden Analysen.
Prägnant und plausibel, diese Aussage. Über die gesellschaftlich-politischen Auswirkungen könnte man lange philosophieren, und wird man zweifelsfrei auch noch.
Auch nicht uninteressant sind aber die kommerziellen Folgen dieser Entwicklung. Zeitungen sind ein kapitalintensives und teures Medium. Allein Druck und Distribution kosten bei einer regionalen Tageszeitung etwa 80 bis 90 Rappen pro Exemplar, Redaktion und Verwaltungskosten vermutlich mindestens das Doppelte davon.
Grob gesagt wird etwa die Hälfte dieser Kosten durch den Verkaufspreis der Zeitung finanziert, der Rest durch Anzeigen. Der Werbemarkt schwankt recht stark und ist derzeit bekanntlich in keiner guten Verfassung, und am Lesermarkt wird die Konkurrenz durch die genannte Fragmentierung immer grösser. Die Verlage haben also nicht viel Luft für Preissenkungen im Rahmen ihres heutigen Businessmodells, weder im Verkaufspreis noch bei den Anzeigentarifen.
Wenn dieses empfindliche Gefüge durcheinandergebracht wird, kann es schnell eng werden. Wie jedes kapitalintensive Business braucht ein Zeitungsverlag “Economies of scale”, es ist also eine gewisse Grösse nötig, um die hohen Investitionen zu finanzieren. Wenn dabei eine kritische untere Schwelle unterschritten wird, können unerfreuliche Folgen sehr schnell eintreten. Willkommen zur nächsten Welle der Medienkonsolidierung?
Vermutlich ist die Antwort darauf, in wirklich neue Richtungen zu denken, wie Medienunternehmen funktionieren sollten. Die gute alte Systemtheorie lehrt beispielsweise, dass sich Systeme selbst ausdifferenzieren müssen, wenn ihre Umwelt komplexer wird. Demzufolge müssten Medienfirmen also eine ganze Reihe von parallel existierenden, unabhängigen Businessmodellen entwickeln, um der Vielfalt der heutigen (und zukünftigen) Konsumentenbedürfnisse gerecht zu werden. Bedeutet das das Ende des monolithischen Medienkonzerns?
Interessanterweise gibt es in den USA gerade zwei bedeutende Beispiele, die in diese Richtung deuten: Die beiden Mediengiganten Viacom und Clear Channel gaben bekannt, dass sie sich jeweils in zwei Teile ausplitten wollen (Berichte hier und hier). Grund: Das mit den tollen Synergien hat leider doch nicht so funktioniert, wie man sich das gedacht (und der Börse versprochen) hat. Darum will man zukünftig die Wachstumsbereiche von den eher reifen Geschäftsbereichen vollständig trennen, um die ständigen Zielkonflikte zu vermeiden.
Jetzt könnte man noch lange schwadronieren über disruptive Innovationen und den “Long Tail”. Geht irgendwie letztlich alles in die gleiche Richtung: Die Medienlandschaft wird komplexer, aber auch chancenreicher.













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