Musikindustrie und Internet:
Wer zuletzt lacht…?
Der Musiker und Unternehmer Gerd Leonhard äussert in einer kürzlich publizierten Präsentation einige sehr interessante Gedanken über die Zukunft der Musikbranche.
Ein bemerkenswertes Argument von Leonhard ist, dass technische Innovationen, die der alteingesessenen Medienbranche zunächst als Bedrohung erscheinen, am Schluss die etablierten Firmen letztlich gestärkt haben. Beispielsweise hatte Hollywood panische Angst vor dem Videorekorder, macht aber heute mehr Umsatz mit Videos und DVDs als mit Kinoeintritten. Kabelfernsehen erwies sich als vorteilhaft für die Fernsehsender.
Und selbst die Buchverlage haben möglicherweise von der Erfindung des Fotokopierers letztlich profitiert.
Ähnlich, sagt Leonhard voraus, wird auch digitalisierte Musik und Filesharing zuguterletzt ein Segen für die Musikindustrie sein. Immer vorausgesetzt natürlich, dass die Industrie es schafft, sich an die neuen Modelle für den Musikkonsum anzupassen.
Wenn man sich die genannten Vergleiche etwas genauer anschaut, stellt man aber fest, dass diesmal einige Dinge grundsätzlich anders sind:
Bisher waren Medien an physische Träger und/oder teure Verbreitungsinfrastrukturen (Sendernetze, Kinos usw.) gebunden. Dadurch konnten die Medienkonzerne hohe Einstiegshürden gegen neue Konkurrenz oder auch illegales Kopieren aufbauen. Das ist bei digitaler Musik nicht mehr so. Der Kunde braucht nur ein (relativ billiges) Abspielgerät, der Content wird aber über ein preiswertes und öffentliches Netz sehr kostengünstig verteilt.
Inzwischen ist der Online-Kauf von Musik faktisch bequemer geworden als die physische Musikkauf im Plattenladen. Auch der Konsum ist praktischer: Ein iPod stellt in jeder Hinsicht einen grossen Fortschritt gegenüber einem tragbaren CD-Player dar. Besonders schlimm für die Musikindustrie: Raubkopieren ist erstmals einfacher und bequemer als der legale Kauf. Das war bisher noch bei keinem Medium so.
Eigentlich gibt es nur noch zwei Hürden, die die Musikindustrie aufrechterhalten kann:
- Den rein rechtlichen Schutz urheberrechtlich geschützter Inhalte. Essentiell natürlich, aber nur mit viel Aufwand zu verteidigen.
- Vorerst ihre Marketingpower, oder genauer gesagt die Möglichkeit, die Aufmerksamkeit der Konsumenten zu gewinnen. Es ist zwar toll, dass eigentlich jeder Künstler selber seine Musik im Netz publizieren kann, aber wie soll ich ihn als Konsument in all den Angeboten finden? Im Moment geht das immer noch primär über die Marketingmaschinerie der Musikkonzerne, aber wie lange noch?
Die Zukunft, sagt da Leonhard — und damit hat er zweifelsfrei recht — liegt vor allem in effizienten Methoden, interessante Musik in dem unüberschaubaren Online-Angebot auffinden zu können. Kollaborative Filter, Agenten, Playlisten usw. sind zukünftig der wichtigste Hebel, um die sehr unterschiedlichen Kundenbedürfnisse zu befriedigen. Amazon hat bei physischen Medienträgern vorgemacht, wie das geht. Bleibt die Frage, ob die Musikindustrie es schafft, diese doch grundlegend neuen Mechanismen zu adaptieren. Wenn man sich das bisherige Verhalten der Branche anschaut, gibt es noch nicht viel Grund zum Optimismus.
Hinzu kommt: Solche Filtersysteme neigen aufgrund von Netzwerkeffekten dazu, nach dem Prinzip “The Winner takes it all” zu funktionieren. Es gibt nur ein Amazon, nur ein Ebay und nur eine Wikipedia, und das aus gutem Grund. Jeder Kauf, jedes Angebot und jede Suchanfrage auf diesen Plattformen fügt Wert zum System hinzu, und dadurch wird der Abstand zur Konkurrenz wieder etwas grösser. Wer zuerst die kritische Masse erreicht, hat einen kaum mehr einholbaren Vorsprung.
Wer wird diese dominierende Rolle einst bei digitaler Musik einnehmen? Im Moment würde ich da ehrlich gesagt eher auf Apple wetten als auf Sony oder Universal. Aber vielleicht kommt es ja auch ganz anders, und am Schluss setzt sich ein offenes Modell à la Wikipedia durch.
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