Hilfe, die New Economy ist untot!

Andreas Göldi, 9. Februar 2005 17:46 Uhr, 0 Kommentare Kommentare

Beat Kappeler, Ökonom vom Dienst in der Schweizer Presse, stellt in einer Kolumne (NZZ am Sonntag, 6.2.05, leider wieder mal nicht online) verwundert fest, dass die New Economy offenbar doch nicht so tot ist, wie sie zeitweise mal ausgesehen hatte.

Alleine mit Handy-Klingeltönen wurden letztes Jahr Erträge erzielt, die fast dem halben Umsatz der heiligen Schweizer Uhrenindustrie entsprechen. Mit Klingeltönen! Darunter Grausamkeiten wie tanzende Nilpferde und rumänische Disco-Schwuchteln Noch keine fünf Jahre gibt es dieses Phänomen.

Noch dramatischer aus Schweizer Perspektive: Die Unternehmen Google, Ebay, Amazon und Yahoo, alle noch keine zehn Jahre alt, sind zusammen mehr wert als alle ehrwürdigen Schweizer Banken vereint; sogar hundertmal mehr als alle Schweizer Medienunternehmen zusammengerechnet. Und das in Zeiten, in denen wohl kaum jemand von Börsen-Bubble reden würde.

Wie sagt Herr Kappeler so richtig: «Klassische Unternehmer, Europäer überhaupt, haben Mühe mit diesem luftigen Geschäftsmodell« [gemeint ist ein Netzwerk-Modell wie das von Ebay]. Zum Ende des Artikels stellt er, mit kaum unterdrücktem Enthusiasmus, fest: «Das sind [...] die Klingelzeichen, die die nächste Wachstumswelle der Nationen ankündigen«.

Ein guter Artikel mit wertvollen Grundsatzaussagen ist das, nur leider wirkt er seltsam inkompatibel mit dem Datum der Zeitung. Diese Wirkungsmechanismen, die sich jetzt massiv in messbaren Unternehmensresultaten und Produktivitätszahlen niederschlagen, konnte man schon vor fünfzehn Jahren bei Nicholas Negroponte und anderen Propheten nachlesen. Die Netzwerk-Effekte, die hinter dem Erfolg von Ebay stecken, sind schon seit Jahrzehnten wissenschaftlich beschrieben.

Und jetzt, hier und heute, schreibt einer der führenden ökonomischen Köpfe der Schweiz einen Artikel in einem Ton, als ob er gerade letzte Woche zum ersten Mal von diesen Dingen gehört hätte. Das liegt wohl kaum an Herrn Kappeler, sondern mehr an dem Publikum, für das er schreibt. Verzeihung, aber als jemand, der sein ganzes bisheriges Berufsleben in der New Economy verbracht hat, kann man sich da einer «Told you so«-Reaktion nicht ganz erwehren.

Offenbar kann man sich inzwischen wieder straffrei zur New Economy bekennen, ohne gleich auf eine Stufe mit Wirtschaftskriminellen gestellt zu werden. Dass jetzt realer wirtschaftlicher Erfolg aus den einst so abgehoben wirkenden New-Economy-Konzepten resultiert, überrascht niemanden wirklich, der mit dem typischen Hype Cycle neuer Technologien vertraut ist.

Leider findet das ganze schöne Wachstum derzeit vor allem in den USA und Asien statt, nur sehr reduziert auch hierzulande. Das überrascht nur bedingt, wenn man sich einige Rahmenbedingungen anschaut. Irgendwas läuft definitiv falsch, wenn im Schweizer Parlament gerade mal ein einziger Informatiker, aber Dutzende von Bauernvertretern sitzen. Fast schon traurig, dass der Branchenverband der Informatikunternehmen extra Studien anfertigen muss, um die Bedeutung des IT-Sektors zu beweisen. Man kann nur hoffen, dass die nächsten Innovationsrunden etwas konsequenter und vor allem schneller angegangen werden.

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