Marketing-Research:
die Lizenz zum Schwurbeln

Oh je, eigentlich dachte ich, dass solche Dinge seit dem Zusammenbruch des Dotcom-Hypes der Vergangenheit angehören (zumindest mal für einige Jahre). Aber offenbar kann man jetzt wieder mit einem sexy Thema und einem grossen Haufen Buzzwords ziemlich schnell ziemlich viel Aufmerksamkeit erregen – egal, ob man tatsächlich eine relevante Aussage macht.

Ein solcher Fall scheint mir bei Assistenzprofessor Markus Giesler vorzuliegen. Selbiger ist angeblich jüngster German Professor ever in den USA. Toll und vorbildlich, gerade in Zeiten gespannter transatlantischer Verhältnisse und deprimierender PISA-Ergebnisse.

Schade nur, dass seine Forschungsarbeit ihren Ausdruck in einem ziemlich ungeniessbaren Brei von krummen Metaphern, aufgeblasenen Buzzwords und dreisten Anleihen bei Autoren von McLuhan bis Gibson findet.

Sein Interview mit WIRED über das Nutzungsverhalten von iPod-Usern ist wirklich lesenswert. Es enthält tatsächlich ein paar interessante Ideen, die aber unter dem Wust von Marketinggeschwurbel nur schwer erkennbar sind. Aber WIRED war ja schon immer empfänglich für solche Dinge.

So war mir bisher gar nicht klar, dass ich bei der Benutzung meines iPod “technotranscendence” begehe und zum “Cyborg” mutiere. Man hört damit ja auch keine Musik, sondern zapft eine “hybrid entertainment matrix” an. Ah ja.

Der Shuffle-Modus ist eine “cyborg consumption strategy”, die “the most viable strategy to access information that would otherwise be lost” ist. Und ich dachte immer, ich nutze den einfach, weil ich zu faul für das Zusammenstellen von Playlisten bin…

Diese Art von “Forschung” erinnert mich irgendwie fatal an die schlimmsten Hype-Zeiten des Internet, wo natürlich die User angeblich auch nicht bei Amazon kauften, weil es bequemer ist, sondern weil sie in virtuellen n:n-Communities die Spielregeln des Marktes ändern wollten. Und das natürlich in 7-fach schnellerer Internet-Time. Leider haben dann auch viele Angehörige des höheren Managements an solchen bedeutungsschwangeren Quatsch geglaubt, Milliarden in windige Businesspläne investiert, und der Rest ist Geschichte.

Auch wenn ich verstehen kann, dass die krisengeschüttelte Entertainment-Industrie gerade sehr anfällig auf solche beinahe pseudoreligiösen Marketing-Heilslehren ist, wäre es doch schöner zu sehen, dass die Manager der Medienkonzerne mal zur Abwechslung etwas anderes tun würden: Ein kleines bisschen gesunden Menschenverstand anwenden bei der Produktgestaltung. Gern mit etwas Gefühl für Coolness, aber auch mit reichlich Sinn für die tägliche Konsumentenrealität.

Macht Steve Jobs auch. Und funktioniert ja.